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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

70	Großstadt-Dokumente	Bd.	3.

Jaljenbande. Sie hätten bet Aas man den Nickel nich jeben sollen." Er ahnte nicht, daß es zehn Mark gewesen waren. Ich verzichtete nun auf das Bismarckdenkmal und andere Sehenswürdigkeiten Berlins, legte mich ins Bett, schlief garnicht, und fuhr in aller Frühe dem Süden zu. Seitdem bin ich mehrfach in Berlin gewesen, habe mich aber wohl gehütet, Jünglinge mit oder ohne Schnupftuch an der Backe aus Mitleid ins Auge zu fassen. Mir ist es nicht zweifelhaft, daß dieses ostentative Drücken des Schnupftuches an die Backe ein Chanteur-kniff war, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen und unter diesen sich alsdann eine geeignete Persönlichkeit für seine Chantage cius-zusucheu, so einen Gutmütigen aus der Provinz, wie ich einer war. —

Sicher ist es hohe Zeit — so schließt der Berichterstatter — diesem Verbrechertum durch Aufhebung des § 175 ein Ende zu bereiten.

Ich greife noch einen zweiten typischen Fall heraus, über den die Norddeutsche Allgemeine Zeitung vom 11. Nov. 1904 berichtet:

th. Der 10. Strafkammer des Landgerichts I lag gestern wieder ein Fall vor, in dem ein verkommener Mensch den § 175 St. G. B. zu Erpressungsversuchen benutzt hat. Der übel beleumundete Arbeiter Karl N. hat einen Herrn, der im Leben nichts mit ihm tun gehabt hat, fort und fort mit Briefen bombardiert, in denen unter Hinweisen auf § 175 allerlei aus der Luft gegriffene Behauptungen aufgestellt wurden und als Refrain der Versuch, Geld zu erlangen, deutlich durchblickte. Der Adressat hat diese Erpresserbriefe zunächst unberücksichtigt gelassen, da er mit einer so schmutzigen Sache in gar keine Berührung kommen wollte. Als aber durch diese Briefe fortgesetzt Beunruhigung in seine Familie getragen wurde, erstattete er Anzeige. Der Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu 3 Jahren Gefängnis.

Schließlich noch aus vielen einen dritten Fall, der ebenfalls in mehr als einer Richtung bezeichnend ist Ein Homosexueller war einem Prostituierten in seine Wohnung gefolgt; dort angelangt, sagte der letztere mit eisiger Ruhe: „Ich bin Standenemil (Stande heißt Hemd), ein bekannter Erpresser, gib Dein Portemonnaie." Nachdem er dieses erhalten, zog er seinen Nock aus, streifte die Hemdsärmel hoch, so daß die mit obscönen Tätowierungen bedeckten Unterarme sichtbar wurden,
        
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