Path:
Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

Berlins drittes Geschlecht. 57 
mit mächtigen Renommierschmissen aukonimeu, dort hilft 
ein schlanker Rokokoherr seiner Dame galant aus der 
Equipage. Immer dichter füllen sich die strahlend er¬ 
leuchteten weiten Räume; jetzt tritt ein dicker Kapuziner 
ein, vor dem sich ehrfurchtsvoll Zigeuner, Pierrots, 
Matrosen, Klowns, Bäcker, Landsknechte, schmucke Offi« 
ziere, Herren und Damen im Reitanzug, Buren, Japaner 
und zierliche Geishas neigen. Eine glutäugige Carmen 
setzt einen Jockey in Brand, ein feuriger Italiener schließt 
mit einem Schneemann innige Freundschaft. Die in 
buntesten Farben schillernde fröhliche Schar bietet ein 
höchst eigenartiges anziehendes Bild. Zuerst stärken sich die 
Festteilnehmerinnen an blnmengeschmückten Tafeln. Die 
Leiterin in flotter Sammetjoppe heißt in kurzer kerniger 
Rede die Gäste willkommen. Dann werden die Tische 
fortgeräumt. Die „Donauwellen" erklingen, und begleitet 
von fröhlichen Tanzweisen, schwingen sich die Paare die 
Nacht hindurch im Kreise. Aus den Nebensälen hört 
ntmt helles Lachen, Klingen der Gläser und munteres 
Singen, nirgends aber — wohin man sieht — werden 
die Grenzen eines Kostümfestes vornehmer Art über¬ 
schritten. Kein Mißton trübt die allgemeine Freude, 
bis die letzten Teilnehmerinnen beim matten Dämmer¬ 
licht des kalten Februarmorgens den Ort verlassen, an 
dem sie sich unter Mitempfindenden wenige Stunden 
alK das träumen durften, was sie innerlich sind. Wem 
es je vergönnt war, schließt Frl. R. ihren Bericht, ein 
derartiges Fest mitzumachen, wird aus ehrlicher Ueber¬ 
zeugung sein Leben lang für die ungerecht verleumdeten 
Urcmierinnen eintreten, denn er wird sich darüber klar 
geworden sein, daß es überall gute und schlechte Menschen 
gibt, daß die homosexuelle Naturveranlagung aber ebenso¬ 
wenig wie die heterosexuelle von vornherein einen 
Menschen zum Guten oder Bösen stempelt."
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.