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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

Berlins drittes Geschlecht.	55

beträgt, sind diese Veranstaltungen meist gut besucht. Fast stets sind mehrere Geheimpolizisten zugegen, die acht geben, daß nichts Ungeziemendes vorkommt; soweit ich unterrichtet bin, lag aber noch nie ein Anlaß vor, einzuschreiten. Die Veranstalter haben Ordre, möglichst nur Personen einzulassen, die ihnen als homosexuell bekannt sind.

Einige der Bälle erfreuen sich eines besonderen Renommees, vor allem der kurz nach Neujahr veranstaltete, auf dem die neuen, vielfach selbst gefertigten Toiletten vorgeführt werden. Als ich diesen Ball im letzten Jahr mit einigen ärztlichen Kollegen besuchte, waren gegen 800 Personen zugegen. Gegen 10 Uhr abends sind die großen Säle noch fast menschenleer. Erst nach 11 Uhr beginnen sich die Räume zu füllen. Viele Besucher sind int Gesellschafts- oder Straßen-Anzug, sehr viele aber auch kostümiert. Einige erscheinen dicht maskiert in undurchdringlichen Dominos, sie kommen und gehen, ohne daß jemand ahnt, wer sie gewesen sind; andere lüften die Larve um Mitternacht, ein Teil kommt in Phantasiegewändern, ein großer Teil in Damenkleidern. manche in einfachen, andere in sehr kostbaren Toiletten. Ich sah einen Südamerikaner in einer Pariser Robe, deren Preis über 2000 Frcs. betragen sollte.

Nicht wenige wirken in ihrem Aussehen und ihren Bewegungen so weiblich, daß es selbst Kennern schwer fällt, den Mann zu erkennen. Ich erinnere mich, daß ich auf einem dieser Bälle mit einem auf diesem Gebiet sehr erfahrenen Kriminalwachtmeister ein Dienstmädchen beobachtete, von dem der Beamte fest überzeugt war, daß sie ein richtiges Weib sein müsse, auch ich hatte nur geringe Zweifel, um in der Unterhaltung mit ihr aber doch wahrzunehmen, daß sie „ein Mann" war. Wirkliche Weiber sind auf diesen Bällen nur ganz spärlich vorhanden, nur dann
        
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