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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

Berlins drittes Geschlecht.	53

falschen Moral immer wieder als Hauptsache in den Vordergrund gezerrt würde. —

Es gibt noch einen zweiten Stand, der in Berlin seit langer Zeit mit den Urningen vielfache Beziehungen unterhält; das sind die Athleten. Die zahlreichen Ath-leten-Bereine der Hauptstadt setzen sich zumeist aus unverheirateten Arbeitern zwischen dem 18. und 25. Lebens-jähr zusammen; größtenteils sind es Schlosser, Schmiede oder sonstige Eisenarbeiter. Bei diesen Leuten gilt Kraft, Gefahr und Kühnheit alles. In ihren Augen ist „der Kampf zwischen Rußland und Japan überhaupt keiu Kampf, weil so viel geschossen und so wenig gerungen, gestochen und geboxt wird".

Wir betreten einen Athletenklub, welcher mit Homosexuellen im Zusammenhange steht. Im Nebenzimmer einer kleinen Gastwirtschaft wird „gearbeitet". Der kleine Raum ist von Oel-, Metall- und Schweißgeruch erfüllt, jener eigentümlichen Ausdünstung, wie sie den Körpern der Eisenarbeiter zu entströmen Pflegt. Auf dem Vodeu liegen Eisenstangen, Hanteln, Gewichte von 100 und mehr Pfund, daneben eine Matratze, auf der gerungen wird. Acht bis zehn kraftstrotzende Athleten sind zugegen, teils in schwarzem Tricot, teils mit entblößtem Oberkörper, Brust und Arme tätowiert.

An der Fensterseite des Zimmers steht ein langer, schmaler Tisch, von Bänken umgeben, auf denen eine Anzahl Herren sitzen, deren vornehme Züge und Anzüge mit denen der starken Männer seltsam kontrastieren. Oben am Tisch sitzt die Präsidentin oder Protektor!« des Athletenklubs, ein Damenschneider, auf den das Wort Martials zutrifft, „daß er mit einer kleinen Ausnahme alles von seiner Mutter hat". Kein Uneingeweihter würde in ihm ein Mitglied des Athletenklubs — geschweige denn dessen Präsidentin vermuten.
        
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