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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

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Großstadt-Dokumente Bd. 3.

handelt. Ich möchte hier der weitverbreiteten Ansicht entgegentreten, als ob dem Verkehr zwischen Soldaten und Homosexuellen gewöhnlich Akte zu Grunde liegen, die an und für sich strafbar sind. Kommt es zu geschlechtlichen Handlungen, was durchaus nicht immer der Fall ist, so bestehen diese fast stets in Erregungen durch Umarmen, Aneinanderpressen und Berühren der Körperteile, wie dies überhaupt bei homosexueller Betätigung die Regel ist. Die Vorstellung, der Homosexuelle, namentlich auch der weiblicher geartete, sei Päderast in des Wortes üblichem Sinn. ist eine vollkommen irrtümliche. In meiner Praxis ereignete sich kürzlich eine Episode, die mir zeigte, wie stark auch noch in Berlin diese Meinung vorherrscht. Bald nachdem in den Zeitungen infolge der von mir unternommenen statistischen Umfrage über die Zahl der Nrninge viel von Homosexualität die Rede war, suchte mich ein biederer Schlächtermeister aus dem Osten auf, ein völlig normaler Familienvater, welcher sich allen Ernstes mit folgenden Worten einführte: „Ich habe seit einigen Wochen ein so starkes Jucken in der Nähe des Afters und wollte Sie daher bitten, einmal nachzusehen, ob ich homosexuell veranlagt bin."

Die Seltenheit eigentlich päderastischer Akte ändert aber nichts an der Grausamkeit und Ungerechtigkeit der betreffenden Strafbestimmung, da das gesellschaftlich Vernichtende bereits die Voruntersuchung ist und das Gericht — wenn bestraft wird, auch ganz mit Recht — sich nicht so streng an die bestimmte Art der Betätigung hält. Im übrigen wiederhole ich, daß das rein sexuelle Moment im Leben und der Liebe des Homosexuellen keine größere Rolle spielt, wie im. nichturnischen Leben; ich würde diese Frage ihres intimen und privaten Charakters wegen überhaupt nicht in den Kreis meiner Betrachtungen gezogen haben, wenn sie nicht von den Verfechtern einer
        
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