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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

48	Großstadt-Dokumente	Bd. 3.

er würde sich vielleicht Wundern, daß dort so 'viele fein gekleidete Herren mit Soldaten sitzen, int übrigen aber wohl kaum jemals etwas Anstößiges finden. Die hier bei Bockwurst mit Salat und Bier geschlossenen Freund^ schaffen zwischen Homosexuellen und Soldaten halten lost über die ganze Dienstzeit, nicht selten darüber hinaus vor. So mancher Urning erhält, wenn der Soldat schon längst als verheirateter Bauer fern von seiner geliebten Garnison Berlin in heimatlichen Gauen das Land bestellt, „Frischgeschlachtetes" als Zeichen freundlichen Gedenkens. Es kommt sogar vor, daß sich diese Verhältnisse auf die nachfolgenden Bruder übertragen; so kenne ich einen Fall, wo ein Homosexueller nach einander mit drei Brüdern verkehrte, die bei den Kürassieren standen.

Gewöhnlich kommt der Soldat, wenn der Dienst zu Ende, in die Wohnung seines Freundes, der ihm bereits sein Lieblingsessen eigenhändig gekocht hat, dessen gewaltige Mengen hastig verschlungen werden. Dann nimmt der junge Krieger in gesundheitsstrotzender Breite auf dem Sofa Platz, während der Urning. bescheiden auf einem Stuhle sitzend, ihm die mitgebrachte zerrissene Wäsche flickt oder die Weihnachtspantoffeln stickt, mit denen jener eigentlich überrascht werden sollte, die aber zu verheimlichen, die Beherrschungskraft des glücklichen Liebhabers um ein Beträchtliches übersteigt.

Währenddem werden alle die kleinen Einzelheiten des königlichen Dienstes besprochen; was der „Alte" (Hauptmann) beim Apell gesagt hat, was morgen für Dienst ist, wann man auf Wache muß und ob man ihn nicht am nächsten Tage irgendwo vorbeimarschieren sehen könnte. Schließlich geleitet man ihn bis in die Nähe der Kaserne, nicht ohne vorher die Feldflasche mit Not-spohn gefüllt und die Butterstullen eingepackt zu haben.
        
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