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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

Berlins drittes Geschlecht.	43

einigermaßen genüge geschehen, werden die mitgebrachten Handarbeiten hervorgeholt, man häkelt, strickt, stickt und näht, zugleich aber tragen die künstlerischen Kräfte, welche in Urningsgesellschaften selten fehlen, mit Gesängen, Deklamationen und Vortrügen zur Unterhaltung bei. Ihren Höhepunkt aber erreicht die Stimmung, wenn das Geburtstagskind unter lautem Beifall aller von einem der Gäste graziös zum Flügel geleitet wird uud in wohllautendem Alt mit ebenso viel Sehnsucht, als lltv Wahrscheinlichkeit sein Lieblingslied: „Ach, wenn ich doch ein Räuber wär'" zum Besten gibt. Kein Mißklang trübt das harmlose Treiben weniger flüchtiger Stunden, bis die Abendbrotzeit die muntere Schar wieder in alle Winde verscheucht.

Wer zum erstenmale den Gesprächen in diesen Kneipen lauscht, wird erstaunt sein über die große Zahl weiblicher, oft sehr absonderlicher Namen, die an sein Ohr dringen. Bald wird er gewahr, daß es sich um Spitznamen handelt, welche die Gäste sich untereinander beilegen. Die Gründe dieser verbreiteten Sitte sind verschiedene; einmal verschweigen die meisten Personen, die sich hier einfinden, begreiflicherweise ihre wahren Namen, so daß die anderen, im Bedürfnis, sich über sie zu unterhalten, zu selbstgewählten Bezeichnungen greifen, außerdem fühlt man instinktiv, daß die Anrede „Herr so und so" bei vielen, keineswegs bei allen, in so starkem Gegensatz zu ihrem femininen Wesen steht, und endlich bietet sich in der Wahl dieser Necknamen eine gute Gelegenheit, den ja auch gerade im Berliner tief wurzelnden Drang nach Scherz und Humor zu befriedigen. In vielen, namentlich virileren Urningskreisen ist der Gebrauch derartiger weiblicher Spitznamen übrigens verpönt.

Viele dieser Namen sind lediglich weibliche Um-
        
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