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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

Berlins drittes Geschlecht.	41

Franenröcke, rin gar schmelzendes Liedchen beendigt, wendet sich ein an unserem Tisch sitzender, vornehm aussehender Greis an einen von uns, tippt ihn mit ganz leichter Vertraulichkeit auf den Arm und fragt bescheiden, aber mit seltsam leuchtenden Augen: „Gefällt's Ihnen bei uns?"

„Keine Uebeltäter hier, keine Verbrecher an der Person, keine Verbrecher am Eigentum. Unglückliche, Entrechtete, die den Fluch eines geheimnisvollen Rätsels der Natur durch ihr einsames Leben schleppen. Menschen, die sich im Kampf des Tages ihre geachtete Stellung erobert haben. Redlich arbeitende, deren Ehrenhaftigkeit niemand anzweifelt, deren Wort und Name seine gute Geltung hat; und die. sich doch unter dem Druck eines mittelalterlich grausamen Gesetzesparagraphen scheu und heimlich zusammenfinden müssen, fern von den normalen Glücklichen ihre stets vom Gesetz, von der Verachtung, von der Erpressertücke gefährdeten unbesiegbaren Triebe den Gleichfühlenden einzugestehen.

Im gesunden Herzen ehrliches Mitleid mit diesen Kranken, die eine letzte mittelalterliche Unvernunft den Verbrechern gleichstellt, treten wir hinaus auf die stille Straße. Wolkenlos spannt sich der Sternenhimmel der Julinacht über den mondbeglänzten Dächern. Mit dem riesigen Schlüsselbund rasselnd, schleicht ein Nachtwächter an den lichtlosen Häusern entlang. In einem Torbogen drückt sich ein Liebespaar inbrünstig die Hände. Fern und ferner klingt der Sopran ..

So Presber. — Eine andere Urningskneipe, die wir betreten, besteht aus vier ziemlich großen Zimmern. Es ist schwer Platz zu finden. Im zweiten und vierten Raum stehen Klaviere, in dem einen trägt „die Engeln" die neuesten Lieder vor, in dem andern wird getanzt, nicht Mann und Weib, sondern Mann und Mann. Sie
        
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