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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

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Großstadt-Dokumente Bd. 3.

liche Schilderung einer solchen Urningskneipe entworfen. Er schreibt:

„Die letzte Station dieser interessanten Nachtfahrt machten wir in einem feineren Restaurant. Hier führen keine ausgetretenen klitschigen Stufen hinunter, sondern sauber gescheuerte Treppen hinauf. Bessere Gegend und ein besseres Haus. Die Ausstattung der Räume behag-tich, nicht ohne Wärme. Bilder an den Wänden in goldenen Rahmen. Statt des gräßlichen Orchestrions, das kaum in einer der früher gesehenen Kneipen fehlte, neben riesigem Notenpack ein anständiges Klavier. Und davor ein ganz erträglicher Spieler und daneben ein hagerer Jüngling mit sprossendem Bart, mit weibischen Bewegungen und einem gequält süßen Lächeln, einen breitrandigen Fraueuhut mit wehendem Schleier auf dem pomadisierten Kopf. Der Jüngling singt — Sopran ... Die beiden Stuben gut mit Gästen gefüllt. Kein schlechtes Publikum, so scheint's. Keiner spuckt auf die Dielen, keiner hat einen Zahnstocher zwischen den Zähnen, keiner säubert sich die Ohren oder kratzt sich die Beine, wie wir's den ganzen Abend über schaudernd genossen. Ein paar würdige alte Herren, ein paar ausrasierte Sports« typen, ein paar Künstler mit gebrannten und gelegten Locken. Dem Harmlosen mag hier zunächst wenig auffallen. Vielleicht nimmt's ihn nur Wunder, daß auch der zweite Sänger — Sopran singt. Vielleicht erstaunt er, daß in keiner der gutgefüllten Stuben ein weib-liches Wesen zu sehen ist ... Man trinkt mäßig an sauber gedeckten Tischen. Kein unanständiges Wort wird gesprochen, und die Lieder, die gesungen werden, haben keine zotigen Pointen. Eher scheint das Sentimentale dieser andächtig lauschenden Versammlung zuzusagen. Und als einer der Sopransänger, sich in den Hüften wiegend, als schlenkere er niederfließende rauschende
        
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