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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

Berlins drittes Geschlecht.

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lokal ab, in dem ein Urning den ihn beobachtenden Kriminalbeamten für Seinesgleichen hielt, glaubte, daß ihm Avancen gemacht würden, und keinen kleinen Schreck bekam, als er auf seine zärtliche Berührung hin arretiert, zur Wache gebracht und später dann auch wegen „tätlicher Beleidigung" verurteilt wurde.

Neben diesen Lokalen gibt es in Berlin eine ganze Anzahl, die ganz ausschließlich von Urningen besucht werden. Ihre Zahl genau anzugeben, ist sehr schwierig, Medizinalrat Näcke^) dürfte wohl recht haben, wenn er annimmt, daß in Berlin mehr als zwanzig Urnings-kneipen vorhanden sind. Immer wieder höre ich gelegentlich tu meiner Praxis urnische Nestauratioueu erwählte», die mir bis dahin tmbekannt warnt. Jede dieser Wirtschaften hat noch ein besonderes Gepräge; in der einen halten sich mehr ältere, in einer anderen mehr jüngere, wieder in einer anderen ältere und jüngere Leute auf. Fast alle sind gut besucht, an Sonnabenden und Somttagen meist überfüllt. Wirte, Kellner. Klavierspieler, Coupletsäuger sind fast ausnahmslos selbst homosexuell.

Man hat Homosexuelle aus der Provinz, die sich zum ersten Male in solchen Lokalen aufhielten, in tiefer seelischer Erschütterung weinen sehen.

In allen diesen Kneipen geht es durchaus anständig zu; hie und da werden sie von der Kriminalpolizei oder deren Geheimagenten kontrolliert, doch hat sich fast nie eine Veranlassung zttm polizeilichen Einschreiten ergeben.

Rudolf Presber hat kürzlich in einem Feuilletonartikel unter dem Titel: „Weltstadttypen" eine anschau-

!) Ncicke. P., Dr. Ein Besuch bei den Homosexuellen in Berlin; mit Bemerkungen über Homosexualität. Archiv fiir Kriininalanthropo» logie und Krinünalistik. Band XV. 1904.
        
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