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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

Berlins drittes Geschlecht. 
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Winter war es besonders der Jour fixe eines urnischen 
Künstlers, der sich großer Beliebtheit erfreute. Der 
überaus gastfreundliche Wirt empfing seine Gäste, unter 
denen sich viele homosexuelle Ausländer, namentlich aus 
den russischen Ostseeprovinzen und den skandinavischen 
Ländern, sowie auch oft homosexuelle Damen befanden, 
in einer Art Zwischenstufengewand, einem Mittelding 
zwischen Prinzeßrobe und Amtsrobe. Die Mnsikvorträge, 
zumal die Gesänge des Hausherrn in Baryton und Alt 
und das Klavierspiel eines dänischen Pianisten standen 
künstlerisch auf der Höhe. Man sah dort regelmäßig 
einen österreichischen Studenten der Chemie, der stets 
schweigsam und ernst dasaß, sich aber sichtlich unter 
Seinesgleichen Wohl fühlte, da er immer wiederkam. 
Im Frühjahr, als die Zusammenkünfte zu Ende waren 
und der Russe Berlin verließ, ging jener Student eines 
Abends in eine Urningskneipe und ließ sich vom Klavier¬ 
spieler Koschats „Verlassen" spielen; als die melancho- 
lische Weise erklang, nahm er unbemerkt ein Stückchen 
Cyankali, das ihn in wenigen Sekunden leblos zu 
Boden streckte. „Selbstmord aus unbekannten Gründen" 
verzeichnete der Polizeibericht, in Wirklichkeit der Selbst- 
mord eines Homosexuellen, wie er sich in Berlin nur 
allzu oft ereignet. 
Nicht immer ist die Homosexualität die direkte Ur¬ 
sache, aber fast stets ist der indirekte Zusammenhang 
zwischen der Homosexualität und dem gewaltsamen Ende 
leicht nachweisbar. Da ist ein urnischer Offizier, im 
Kadettenkorps erzogen, mit Leib und Seele Soldat, er 
hatte sich außerdienstlich eine homosexuelle Handlung zu 
Schulden kommen lassen, sie wurde lautbar, und ein 
schlichter Abschied war die Folge. Er hat nichts 
anderes gelernt, als sein Kriegshandwerk, nun sucht er 
kaufmännische Stellungen, sucht, findet und verliert eine
        
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