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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

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Greß-Berli*

Berlins drittes Geschlecht.	33

auf Erden! Wann endlich" — so schrieb mir vor einigen Jahren ein Homosexueller am Weihnachtsheiligabend — „wann endlich wird man erkennen, daß auch zu uns der Erlöser kanr, daß auch wir nicht ausgeschlossen sein sollten Don seiner gütigen, ediert, barmherzigen, allumfassenden Liebe?"

Es war in der Frühe des letzte» Weihnachts-morgens, als ich zu einem urnischen Studenten im Westen Berlins gerufen wurde, von dem es hieß, daß er in der Nacht einen Tobsuchtsanfall gehabt hätte.

Als ich zu ihm kam, bot sich mir ein furchtbarer Anblick; das ganze Zimmer war erfüllt von Scherben und Möbelstücken, zerrissenen Tüchern, Büchern und Papieren, alles mit Blut, Tinte und Petroleum vermischt. Vor dem Bette befand sich eine große Blutlache, und auf der Bettstatt lag ein junger Mann mit wachsbleichem Gesicht, aus dem seltsam tiefe, flammende Augen hervorleuchteten, schwarze Strähnen umgaben die feingeschnittenen, regelmäßigen Züge. Um Stirn und Arme waren blutdurchtränkte Lappen geschlungen.

Er hatte sich wegen seines Uranismus mit seinem strengen Vater, einem angesehenen Bürger Berlins, über-worfen, keiner gewann es über sich, dem andern gute Worte zu geben, und nun war er am Heiligabend, beut ersten, den er fern von der Familie verlebte, herum-geirrt durch die menschenleeren Straßen der Millionenstadt Von der Gegenseite der Straße hatte er, in einem dunklen Gange sich herumdrückend, die glänzenden Lichter in der Wohnung der Eltern gesehen, das Lachen der jüngeren Geschwister war an sein Ohr gedrungen, und für einige Augenblicke schaute er die Umrisse der Mutter, die während des Kinderjubels sinnend ihre Stirn an die Fensterscheiben lehnte.

Als sie oben die Lichter löschten, war er in die

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