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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

32	Großstadt-Dokumente	Bd.	3.

gleiten soll. Watt werden die Doppeltüren geöffnet, und hell tönen die Kindergesänge von der stillen, heiligen Nacht und der seligen, fröhlichen Weihnachtszeit.

Tiefer Ernst liegt auch auf allen Zügen, in manchem Auge blinkt eine Träne, selbst die „lange Emilie", der sonst immer lustige Damenkonfektionär, kann seine Rührung nicht bemeistern. Weit, weit zurück ziehen die Gedanken der Uranier in jene Zeiten, in denen ihnen dieser Tag auch ein Familienfest war, als noch nichts gemahnte, daß ihr Geschick sich so ganz anders gestalten würde, wie das der längst verheirateten Geschwister; erst ganz allmählich öffnete sich die Kluft, die sie vou den Ihren trennte, dann kamen die langen Jahre, wo sie diesen Abend friedlos und freudlos im Restaurant oder bei „einem guten Buch" int „möblierten Zimmer" verbrachten. Manche gedenken ihrer zerstörten Hoffnungen, was hätten sie leisten können, wenn sich nicht alte Vorurteile ihrer Laufbahn hindernd in den Weg gestellt hätten, und andere in angesehenen Stellungen gedenken der schwer auf ihnen lastenden Lebenslüge! Viele gedenken der Eltern, die tot oder für die sie tot sind, und alle in inniger Wehmut des WeibeS, das sie über alles liebte und das sie über alles liebten — ihrer Mutter.

Jetzt siud die Kinderstimmen verkluugen, man reicht sich die kleinen Gaben, beschenkt besonders reichlich die Kinder und die Dienstboten und setzt sich zu Tisch. Die Tafelgespräche sind nicht so fröhlich wie sonst; man spricht von dem guten der letztes Jahr noch am heiligen Abend teilnahm, und den nun auch schon die Erde deckt.

Langsam läßt die Spannung nach, der Ton wird etwas heiterer, aber der ernste Unterteilt bleibt, und über dem ganzen Abend ruht ein Hauch weltschmerzlicher Sentimentalität.

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen

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