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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

30	Großstadt-Dokumente	Bd. 3.

Austern, Hummern und ähnlichen Leckerbissen bewirtete, hatte noch Alexander v. Humboldt und Jffland gekannt, war mit Hermann Hendrichs und Karl Ulrichs befreundet gewesen und schien unerschöpflich in der Wiedergabe seiner Erinnerungen. Die Gespräche berührten fast ausschließlich das homosexuelle Problem. Da debattierte ein jüngerer katholischer Geistlicher mit einem schon ergrauten evangelischen Pfarrer über Uranismus und Christentum: mehrere Philologen stritten sich über Shakespeares Sonette, während die Juristen und Mediziner die Frage erörterten, inwieweit sich der § 51 des R.-St.-G.^B., welcher von dem Ausschluß der freien Willensbestimmung handelt, schon jetzt zu Gunsten der Homosexuellen verwenden ließe.

Den ernstesten Charakter unter den Gesellschaften der Berliner Urninge tragen die am Weihnachtsheilig-abend veranstalteten Zusammenkünfte. Mehr als an jedem anderen Tage fühlt an diesem Feste des Familien-glucks der nrnische Junggeselle sein einsames Los. Viele würden den Abend noch trauriger verleben, wenn unter den wohlhabenden Homosexuellen nicht stets einer oder der andere wäre, der die Heim- und Heimatlosen um sich sammelte.

Ich greife auch hier ein Bild aus der Großstadt heraus.

Schon am Tage vor dem Fest hatte der Hausherr den Weihnachtsbaum, eine große Silbertanne, selbst geschmückt; alles Bunte wurde vermieden, zwischen den weißen Wachskerzen sind Silberguirlanden, Eiszapfen, Schneeflocken, Glaskugeln und Engelhaar, das sich wie Spinngewebe von Ast zu Ast zieht, geschmackvoll angebracht, und hoch am Wipfel ist ein großer Silberstern befestigt, auf dem ein Posaunenengel im lichten Tüllgewand „Friede den Menschen auf Erden" verkündigt.
        
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