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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

 	Berlins drittes Geschlecht.	23

Viel anders wie andere mit ihren Putzmacherinnen — am Sonntag den Grnnewald durchstreiften.

Daß sich die Eltern mit der urnischen Natur, ja sogar mit dem homosexuellen Leben ihrer Kinder abfinden, ist in Berlin durchaus nichts Seltenes.

Vor kurzem wohnte ich auf einem Berliner Vorortkirchhof der Beerdigung eines alten Arztes bei. Am offenen Grabe standen der einzige Sohn des Verstorbenen, zur Rechten die bejahrte Mutter, an der andern Seite der Zwanzigjährige Freund, alle drei in tiefster Trauer. Als der Vater, bereits über 70 Jahre alt, vorn Uranismus seines Sohnes hörte, war er der Verzweiflung nahe, er suchte mehrere Irrenärzte auf, die ihm mancher-lei raten, aber nicht helfen konnten. Dann vertiefte er sich selbst in die Litteratur über den Gegenstand und erkannte mehr und mehr, daß sein Sohn, den er über alles liebte, von Geburt an homosexuell gewesen war. Bei seiner Niederlassung hatte er nichts dagegen, daß er den Freund zu sich nahm, ja die guten Eltern übertrugen ihre volle Liebe auf den jungen Mann, der aus einfachstem Stande hervorgegangen war. Beide hatten auf einander sichtlich einen guten Einfluß; während sie einzeln nur schwer imstande gewesen wären, vorwärts zu kommen, gelang es ihnen zu zweit vortrefflich, indem das Wissen und die Liebenswürdigkeit des einen in der Energie und Sparsamkeit des anderen ihre Ergänzung fanden.

Auf dem Sterbelager nahm der alte Doktor von seiner Frau und seinen „beiden Jungen" Abschied und der Anblick dieser drei Menschenkinder, wie sie unter den Klängen des Mendelsohnschen Liedes: „Es ist bestimmt in Gottes Rat" ihre Tränen und Trauer vereinigten, griff ungleich tiefer in die Seele, als die Rede des jungen Pfarrers, der in schrillem Tonfall die Taten des ihm gänzlich unbekannten Toten pries,
        
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