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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

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Großstadt-Dokumente Bd. 3.

Berechtigtes fei, wie die zwischen Mann und Weib, gerade darum behauptete er, ihr untreu zu werden, wenn er sich noch ferner von mir küssen ließe. „Freunde können wir ja bleiben", sagte er, „denn ich habe dich ganz gern, aber nicht anders wie andere Freunde wollen wir sein."

Und so blieben wir Freunde noch zwei Jahre lang, und ich schmeichle mir, wenigstens in der ersten Zeit einen recht guten Einfluß auf ihn ausgeübt zu haben; nicht nur, daß ich ihm bei seinen Arbeiten half, sondern ich versuchte auch, ihm etwas höhere Interessen beizubringen, als er sie leider besaß, ihn zu veranlassen, sich auch mit wissenschaftlichen, politischen rc. Fragen zu beschäftigen, auf die ihn die Erziehung, die er gehabt hatte, das Milieu, in dem er lebte, und seine eigene Interesselosigkeit bisher nicht hingewiesen hatten. Meine Liebe zu ihm blieb lange Zeit mit unverminderter Stärke bestehen, und noch heute bin ich von dieser Leidenschaft nicht ganz geheilt.

Im Laufe dieser Jahre bin ich allmählich aus meine Veranlagung aufmerksam geworden, zuerst wohl nach der negativen Seite hin. Wenn meine Mitschüler allmählich ansingen, von ihren Liebsten zu erzählen, deren Namen in die Schulbänke einzukratzen, bei jeder Gelegenheit ihnen Ansichtskarten zu schreiben, so dachte ich zunächst, besonders da ich immer einer der Jüngsten in der Klasse war, das würde mit der Zeit bei mir auch noch kommen. Und dabei ahnte ich nicht, daß die Zuneigung zu meinem K. nichts anderes als wirkliche, wahrhaftige Liebe war, stärker vielleicht und tiefer, als sie die meisten anderen zu ihren Mädels empfanden. Erst durch einige Analogieen, die mir zufällig auffielen, kam mir eine Ahnung des wahren Sachverhalts. Wie jeder richtig Verliebte machte ich meine Fensterpromenaden, ging täglich, so oft wie möglich, und wenn es die größten Umwege kostete, an seinem Hause vorbei und war glücklich, wenn er mal am Fenster stand. So dämmerte es in mir auf, und nun einmal aufmerksam geworden, unwillkürlich weitere Anhaltepunkte suchend, kam ich bald zur Klarheit über mich. Ich entsinne mich z. B. noch genau, welch tiefen Eindruck es aus mich machte, als meine Mutter einmal scherzend zu mir sagte: „Paul, Paul, wer immer so allein spazieren geht, der ist verliebt"; ich hatte ja tatsächlich meinen Bruder nur darum nicht mitnehmen wollen, um, wenn ich ihn treffen sollte, allein mit ihm zu sein.

„Feste Verhältnisse" homosexueller Männer und Frauen, oft von sehr langer Dauer, sind in Berlin etwas ganz außerordentlich Häufiges.

Man muß an vielen Beispielen wahrgenommen

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