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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

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Großßadt-Dokumente Bd. 3.

keine Spur von dem enthalten ist, was Unwissenheit und Unkenntnis hineinlegen wollen. Es sei denn, daß man das Geschlechtliche überhaupt als etwas Unsittliches ansieht, daß man die natürliche Welt-ordnung anzutasten versucht, indem man das Heiligste im Menschenleben in den Schmutz zieht, dann kann nmn die gleichgeschlechtliche Siebe gleich mit verdammen. - Jetzt weiß ich, daß das, was sich damals in mir abspielte, nichts anderes war, als das erste Erwachen der Liebe in einem noch kindlichen Gemüt, das nicht wußte, was in ihm vorging, und doch von dieser neuen Herrlichkeit gänzlich erfüllt war.

Und wie hier beim ersten Male der Gegenstand meiner Liebe ein männliches Wesen war, so ist es bei mir bisher geblieben. Wenn andere „normale" Männer auf der Straße ein hübsches Mädchen sehen, so blicken sie sich unwillkürlich danach um; mir ergeht es genau so mit schönen Jünglingen, denen ich ebenso unwillkürlich nachsehe. Trete ich m eine Gesellschaft, komme ich auf einen Ball rc., so geschieht es oft, daß mir ganz unbewußt irgend einer der juugen Leute, den ich nicht kenne, ausfällt, und ich ertappe mich nachher dabei, daß ich fortwährend daranf geachtet habe, was der Betreffende tut, mit wem er tanzt 2c. rc.

Siebe wurde nach einiger Zeit abgelöst durch eine andere größere Leidenschaft, die mich zu einem anderen Mitschüler er-griff, der zwar ein ganzes Jahr älter war als ich, aber in einer tieferen Klasse saß. Ich kann mich darauf besinnen, wie ganz allmählich die ersten Zeichen dieser Liebe bei mir auftauchten, wie ich jede mögliche Gelegenheit benutzte, mit ihm zusammen zu sein: auf dem Schulhofe, auf der Straße, bei den Tnrnspielen u. s. w. Und dabei war es noch besonders schwierig, diesen Verkehr reger werden zu lassen; nicht nur, daß er in einer anderen Klasse war, sondern es gab auch eigentlich gar keine gemeinsamen Interessen zwischen uns, mir hatten keine gemeinsamen Freunde, und er war gerade int Kreise meiner nächsten freunde besonders unbeliebt. Um so ausfälliger mußte es fein, wenn ich mich mit ihm näher befreundete, und ich suchte die verschiedensten ^orwände, diese Annäherung zu erklären, nicht nur vor anderen, sondern besonders vor mir selbst, der ich noch immer nicht ahnte, was m nur vorging. Aber gerade in dieser Zeit, ich war 18 Jahre, ging nur das Licht über die wahre Bedeutung der Cache auf, in dieser Zeit, wo ich regelrechte Fensterpromenaden vor seinem Hause machte/ die Zeit abpaßte, wann er herauskam, um ihm zufällig zu begegnen, und an nichts anderes dachte als an ihn. Ja, ich wußte bald, daß ich ihn wirklich und regelrecht liebte, aber es ihm zu sage», dazu hatte ich
        
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