Path:
Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

16

Großstadt-Dokumente Bd. 3.

Die Ansicht mit ihm auszutauschen.

Dem Wohllaut seiner Stimme tauschen,

Sein Leben schöner zu gestalten.

Wenn Leid ihn quält, treu zu ihm hallen,

Das ist doch Glück genug —

Ihm sagen können, daß er mir das Höchste.

Von ihm vernehmen, daß ich ihm der Nächste,

Ihm schildern dürfen, wie sehr ich ihn liebe,

Den Wunsch zu hören, daß sein Freund ich bliebe,

Das ist doch Glück genug —

0, wenn ich es doch nie erlebte,

Daß ich noch mehr an Glück erstrebte,

Als mir so reichlich ist beschießen,

Dann hätten er und ich den Frieden Und beide Glück genug."

Auch der folgende ausführliche Bericht eines keuschen Uraniers über das erste Erwachen seiner Liebe — er rührt von einem mir bekannten Studenten her. der sich noch nie sexuell betätigt hat — bestätigt den Satz. daß sich der homosexuelle Trieb wohl in seiner Richtung und Bedeutung, nicht aber in seiner Naturwüchsigkeit von der normalsexuellen Liebe unterscheidet.

„Ich bin in dem „Sündenbabel" Berlin aufgewachsen, habe mit vielen gleichalterigen Kameraden eine öffentliche Schule besucht, bin sogar in einer Pension gewesen, wo es sicher nicht sehr zart herging, und habe mir trotzdem gerade in sexueller Beziehung merkwürdig lange meine Kindlichkeit bewahrt, Ich habe nie, wie andere Kinder. Vergnügen daran gefunden, darüber zu reden und zu grübeln, „woher die Kinder kommen", ich hatte sogar eine merkwürdige Scheu, deren Ursachen mir noch jetzt unerklärlich sind, über solche Dinge reden zu hören. So galt ich noch mit 15 Jahren, und zwar mit Recht, unter meinen Kameraden für „unschuldig'-; an den Klapperstorch glaubte ich ja nicht gerade mehr, aber ich hatte keine Ahnung von dem Wesen des Unterschiedes der Geschlechter und von irgend welchen sexuellen Beziehungen. Natürlich verstand ich auch nichts von den bekannten Witzen, die über dieses Thema gemacht wurden, was am meisten dazu beitrug, den Ruf meiner „Unschuld" zu verbreiten.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.