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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

Berlins drittes Gescklccht. 
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Betreffenden der sexuellen Grundlage ihrer Neigung be¬ 
wußt werden, wiewohl sie die Briefe ihrer Freunde 
nicht weniger sehnsüchtig erwarten, nicht minder begierig 
lejen, wie ein Bräutigam die seiner Braut. Und noch 
seltener ist sich der Empfangende in solchen Verhältnissen 
über die wahre Natur seines „väterlichen" Freundes 
klar. Wohl ist er und seine Familie über „das gute 
Herz" ihres besten Freundes des Lobes voll, das hindert 
aber den jungen Mann nicht, gelegentlich recht weidlich 
über die Homosexuellen zu schelten, ohne zu ahnen, 
wie schwer er jenen trifft, den er gewiß am wenigsten 
verletzen möchte. 
Ich will hier ein Gedicht eines Berliner Urnings 
an seinen Freund zur Kenntnis bringen, das recht an¬ 
schaulich zeigt, wie schwer die unmerklich in einander 
übergehenden Grenzen zwischen den geistigen, seelischen 
und körperlichen Aeußerungen des in Form und Stärke, 
nicht aber in seinem Wesen verschiedenartigen Gefühls zu 
ziehen sind. Es lautet: 
„Ihm in die tiefen, treuen Augen sehen, 
Mit ihm vereint an meinem Fenster stehen, 
Zu lehnen mein Gesicht an feine Wange, 
Ganz still, recht fest und lange, lange, 
Ist das nicht Glück genug — 
Ihm sanft die Hände zu berühren, 
Den Atem feiner Brust zu spüren, 
Mit meinem Haupt an seinem Herzen liegen 
Und meinen Mund an seine Lippen schmiegen, 
Das ist doch Glück genug — 
Zu schauen, wenn er lacht und froh sich regt, 
Zu merken, wenn er ernst und tief bewegt, 
Zu sehen, wie in allem, was er treibt, 
Er stets sich gleich an Kraft und Schönheit bleibt, 
v Ist das nicht Glück genug —
        
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