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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

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Großstadt-Dokumente Bv. 3. 
beherbergt habe. Er hatte dabei ein im Grunde fröh¬ 
liches Gemüt. Wer ihn auf den sommerlichen Ausflügen 
des Vereins beobachtete, wie er mit seinen Schülern 
Kampfspiele veranstaltete, mit ihnen rang und aus¬ 
gelassen tollte, freute sich ohne Argwohn der anscheinend 
so harmlosen Freudigkeit des unermüdlichen Gottes¬ 
streiters. Eines Tages aber bemächtigte sich tiefe Be¬ 
trübnis und große Entrüstung des frommen Vereins. 
Herr W. war wegen unsittlicher Handlungen mit jungen 
Männern verhaftet worden. Bei der Gerichtsverhand¬ 
lung bekundeten zwölf Jünglinge, daß W. sie unzüchtig 
berührt habe, sogar hinter der Kanzel, an der Orgel 
und in der Sakristei habe er solches getan und jedes¬ 
mal hinterher mit ihnen gebetet. Er wurde zu einer 
schweren Freiheitsstrafe verurteilt. 
Ich verdanke diesen Bericht einem sehr ehrenwerten 
tlramer, der demselben christlichen Verein angehörte. 
„Nie hätte ich," so schreibt er mir, „geglaubt, daß dieser 
geehrte Herr so jäh aus seiner Höhe stürzen könnte, 
daß meine inneren Empfindungen, die ich in harten 
Kämpfen unterdrückte, um deren Ueberwältigung willen 
ich jene fromme Gesellschaft aufgesucht hatte, so denen 
ihres Leiters glichen. Als sich das geschilderte Trauer¬ 
spiel zutrug, dachte ich in Demut: „Herr, sei mir Sünder 
gnädig", und bin mit vielen anderen aus dem schwer ge¬ 
schädigten Verein geschieden." 
Vielfach widmet sich der homosexuelle Platoniker 
nicht sowohl einer Vereinigung, als vielmehr einer ein¬ 
zigen Person, an der er Gefallen gefunden hat. Wie 
viele dieser Männer lassen nicht ihre Schützlinge aus- 
bilden, studieren, nehmen sie auf Reifen mit, setzen ihnen 
Renten aus, adoptieren sie, bedenken sie in ihrem Testa¬ 
ment, bemühen sich um sie in intensivster Weise, ohne 
daß es je zu einem Kusse kommt, ja, ohne daß sich die
        
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