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Berlins drittes Geschlecht

Full text: Berlins drittes Geschlecht / Hirschfeld, Magnus

6 Großstadt-Dokumente Bd. 3. 
Wer gut unterrichtet ist, bemerkt auf den Straßen, 
in den Lokalen Berlins bald nicht nur Männer und Frauen 
im landläufigen Sinn, sondern vielfach auch Personen, 
die von diesen in ihrem Benehmen, oft sogar in ihrem 
Aenßeren verschieden sind, so daß man geradezu neben 
dem männlichen und weiblichen von einem dritten Ge¬ 
schlecht gesprochen hat. 
Ich finde diesen Ausdruck, der schon im alten Rom 
gebräuchlich war, nicht gerade glücklich, aber immerhin 
besser, als das jetzt so viel angewandte Wort Homo* 
sexuell (gleichgeschlechtlich), weil dieses der weit ver¬ 
breiteten Anschauung Nahrung gibt, es müßte::, wenn 
irgendwo mehrere Homosexuelle zusammen find, sexuelle 
Akte vorgenommen oder doch wenigstens beabsichtigt 
werden, was den Tatsachen in keiner Weise entspricht. 
Man möge, wenn in den folgenden Schilderungen 
von Homosexuellen die Rede ist, nicht an geschlechtliche 
Handlungen irgend welcher Art denken. Kommen diese 
vor, so entziehen sie sich nicht nur wegen ihrer Straf- 
barkeit, sondern vor allem wegen des natürlichen Scham- 
und Sittlichkeitsgefühls, welches bei den Homosexuellen 
ebenso ausgeprägt ist wie bei den Normalsexuellen, der 
Beobachtung, keineswegs sind sie das Hauptsächliche, sie 
fehlen sogar häufig. Das Wesentliche ist das Wesen des 
Uraniers — so wollen wir in dieser Schrift den homo¬ 
sexuell Empfindenden mit Ulrichs nennen — sein Ver¬ 
halten gegenüber dem männlichen und weiblichen Ge¬ 
schlecht, sind die aus seiner Naturbeschaffenheit sich er¬ 
gebenden Sympathieen und Antipathieen. 
Aber selbst für den, der viele typische Eigenschaften 
urnischer Menschen kennt, bleiben doch sehr viele ver¬ 
borgen. sei es, weil ihnen, was nicht selten vorkommt, 
tatsächlich bemerkbare Anzeichen fehlen, sei es, weil sie
        
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