Path:
Entlassene Strafgefangene

Full text: Dunkle Winkel in Berlin / Ostwald, Hans

92 Großstadt-Dokumente Bd. 1. Dunkle Winkel in Berlin.

„Kriegen wir kein Zehrgeld? Sonst jibt's doch fünf Groschen!" sagt ein kleiner Mensch mit knochigen Schultern. Er hat etwas Verwegenes — Fideles in dem Gesicht mit dem gewaltigen Kinn und der scharfen Nase.

Er fragt noch mehrere Male nach dem Zehrgeld.

Endlich stellen sich alle auf. Der Bote zählt ihnen ihre fünfzig Pfennig in die Hand. und durch das Gewühl der Bahnsteige geht's in die Eisenbahnwagen.

-Unterwegs meint der Kleine:

„Darf ick nich noch mal in den Wartesaal? Da kriegt man doch so'n Teppken" — er mißt mit beiden Händen — „da draußen kriegt man ja nischt for't Jeld."

„Mit dem Geld sollen Sie Ihr Nachtquartier bezahlen. Sie kommen doch heute nicht mehr hin!" antwortet der Bote.

„Na, schön!" Damit klettert der Kleine den Anderen nach, die im Abteil verschwinden.

Aber nach einer Weile schiebt sich langsam ein Kopf heraus. Der Bote droht. Da lacht der Kerl über das

ganze Gesicht . . .

Der Bote bleibt solange stehen, bis der Zug in Bewegung ist, bis die Männer unterwegs sind zur

Arbeit.------------

Im Winter sieht's oft viel schlimmer aus. Verfroren, blaß und blau im Gesicht kommen die Männer an. Die Räume sind dicht gedrängt voll. Alles diese dürftig Gekleideten, über denen der Dunst des Elends, Kummers, Hungers und der Verkommenheit lagert. Und sie stehen und hoffen hier — Stunde auf Stunde, Tag auf Tag. Hier und da leuchtet jäh die alte Verwegenheit und Entschlossenheit auf in den Augen. In den Augen, die alle den geknickten und gedrückten Gefängnisblick haben.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.