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Entlassene Strafgefangene

Full text: Dunkle Winkel in Berlin / Ostwald, Hans

Entlassene Strafgefangene.

Wie begossen schleicht der große Mensch in den Warteraum.

Einen Angetrunkenen schiebt der Bote hinaus auf die Straße:

„Kommen Sie morgen wieder, wenn Sie nüchtern sind!"

„Ich — wenn ich Arbeit — will — dazu brauch' ich Pohlmann*) nich! Ich krieg' alleene Arbeit — ich krieg —" . . .

Ein buntes Gemisch von Menschen kommt.

Unter den anderen eine Frau, ein einfaches, arbeitsames Geschöpf. Nicht für sich wollte sie bitten. Sie hatte daheim ein sechzehnjähriges Mädchen, das wegen eines kleinen Diebstahls Gefängnishaft gehabt; und weil die Mutter sie nicht mehr aufnehmen wollte, hatte die Frau sie zu sich genommen, sie hatten früher auf einem Korridor gewohnt. Das Mädchen hatte dicke Füße und konnte nicht selbst kommen, um Unterstützung zu erbitten. Die Frau zitterte vor Aufregung und vor Scham, daß sie gestehen mußte: „Ja, so ganz ernähren können wir sie ja auch nicht. Mein Mann verdient schon seit vier Wochen nichts, und die paar Mark, die ich mit Nähen verdiene, reichen knapp für uns."

Dankend steckte sie die Speisemarken ein. die man ihr für das Mädchen mitgab, mit deren Familie sie früher auf einem Korridor gewohnt . . .

Jeden Tag kommen mehrere Bittbriefe. Meist von gebildeten Menschen, die nicht wagen, selbst zu erscheinen. Der junge Kaufmann, der irgend eine Dummheit gemacht, ist feststehender Typus. Fast immer: „Durch

*) Pohlmann heißt der Sekretär, nach ihm nennen die Entlassenen das Sönreoit.
        
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