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Entlassene Strafgefangene

Full text: Dunkle Winkel in Berlin / Ostwald, Hans

Entlassene Strafgefangene.

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Hofgänger gehen. Wenn Sie Pflügen können, bekommen Sie doch Ueberverdienst. Da stehen Sie sich doch auch ganz gut."

„Ne—e, nee! Ich will Milchkutscher werden!"

Er hat sich das zum Ziel gesetzt, es ist sein höchstes Ideal, von dem er nicht abweichen kann.

„Ja, das tut uns herzlich leid — aber wir haben keine solche Stelle."

„Ja, ich will Milchkutscher werden!"

Damit geht er hinaus. Nach einigen Sekunden schiebt er am Fenster vorüber: die Mütze über den Kopf gezogen, die Hände in den Taschen, mit energischem Blick seinem Ideal zustrebend — Milchkutscher! . . .

Ein großer, breitschultriger, hagerer Mann, hohe Stirn, starkknochige Nase. Er ist etwa in der Mitte der Fünfziger. Hat achtzehn Jahre Zuchthaus abgesessen

— zwei Jahre, vier Jahre, achtzehn Monate u. s. w. Meist wegen schweren Diebstahls. Das letzte Mal wegen schwerer Körperverletzung. Seitdem führt er sich sehr gut. Kann sich aber schlecht ernähren, weil an seiner rechten Hand vier Finger verstümmelt sind. Möchte nun gern Drehorgel spielen, um nicht wieder in Versuchung zu kommen. Hat jedoch keine Erlaubnis bekommen, weil keine Konzessionen mehr gegeben werden.

„Wenn ich nur was machen könnte mit der Hand

— aber es geht ja nicht! Handeln kann ich doch auch nicht. Da muß ich doch erst einen Wagen und Ware haben!"

„Handeln ist auch nichts. Das versteh'n Sie nicht." „Na ja, eben. Der Leutnant von mein' Polizeirevier sagte ja, in seinem Revier könnte ich ruhig spielen. Da brauchte ich keine Konzession."

Der Assessor kommt aus dem Nebenzimmer:

„So, wenn der das gesagt hat — ich werde mal
        
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