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In der Kaschemme

Full text: Dunkle Winkel in Berlin / Ostwald, Hans

66 Großstadt-Dokumente Bd. 1. Dunlle Winkel in Berlin.

Ein elegant gekleidetes, mit Brillanten behängtes und hochgewachsenes Mädchen tanzte mit ihrem Verlobten zu den Klängen eines Pianinos, das ein stellungsloser jüdischer Handlungsgehilfe spielte. Dieser Verlobte, mit dem sie in der nächsten Woche Hochzeit machen wollte, trug ein paar Ringe und Vorsteckknöpfe, die einen Wert von über Tausend Mark besaßen. Herren der beren Gesellschaft, die das Mädchen regelmäßig besuchten, hatten ihr den Schmuck geschenkt.

Ein anderer „Bräutigam" zeigte einen Siegelring, den seine Braut von einem Geistlichen erhalten, als sie ihn in ein Hotel begleitet. In Freundschaft und Zärtlichkeit waren der Pfaffe und die Dirne zusammen gekommen. Nach gekühltem Rausch aber war der sittliche Zorn in dem Mann der Kirche erwacht und er hatte in Reue und Schmerz das Mädchen verflucht. Als er ihr den Lohn versagte, hatte sie den Ring an sich genommen. —

Ja, Geschichten gibt es da zu hören Geschichten, die eine merkwürdige, fratzenhaft verzerrte Kehr feite zu unserm Kulturleben bilden. Und man muß sich fast wundern, daß die Dirnen und ihr Anhang nicht noch roher und brutaler, nicht noch materieller sich geben. Daß eine die andere im Putz übertreffen will, ist ja nur selbstverständlich. Aber auch darin wollen sie einander übertreffen, daß sie ihren Zuhältern am meisten Geld zustecken. Sie haben eben ihre besonderen Ehrgeize. Wenn sie auch nicht immer glauben, daß der Zuhälter nur aus Liebe zu ihnen hält, wenn sie ihn auch oft in einer gewissen Furcht vor dem Verrat an die Polizei erhalten — sie haben doch eine gewisse Anhänglichkeit zu ihm, sie finden einen gewissen fraulich-mütterlichen Genuß darin, für ihn zu sorgen.-------------

Die Leutchen hielten übrigens auf Formen.
        
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