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In der Kaschemme

Full text: Dunkle Winkel in Berlin / Ostwald, Hans

62 Großstadt-Dokumente Bd. 1. Dunkle Winkel in Berlin.

meine Fragen erzählte er mir, wie der Ausschänker hier-her gekommen war. Auf einem Tanzboden in der Hasenheide hatte er die anrüchige Kleine kennen gelernt, die den lebensprühenden Burschen dadurch an sich zu ketten wußte, daß sie ihn mit Geld unterstützte. Er diente damals in einem Garde-Regiment seine drei Jahr ab und war, bei sehr knappen Groschen, einer der schneidigsten Reiter und der Tollkühnste und Ansehnlichste der Schwadron. Sein Rittmeister drückte darum ein Auge zu, wenn Philipp manches liebe Mal über die Stränge schlug, es mit dem Grundsatz motivierend: „Ein Kavallerist, das muß ein flotter Bursche sein!"

Nach beendeter Dienstzeit wollte Philipp sich von dem Mädchen befreien, sie aber zerrte ihn stets in das Luderleben zurück. Er mußte es in ohnmächtiger Wut hinnehmen, wenn sie ihn mit wüsten Schimpfreden aus der Wohnung seiner Eltern holte. Hatte er soeben seiner gutherzigen Mutter versprochen, anders zu werden, so brauchte ihm das Mädchen nur gegenüberzustehen, und er folgte ihr willenlos. Sie wußte seine Trägheit auszubeuten und hatte ihn ganz in ihrem Willen.

Vermöge seines hellen Kopfes und seines muskulösen Körpers hatte er sich aber zu eigener Genugtuung in diesem Kreise von Dirnen und ihren Burschen, in dem er mit einem gewissen Widerwillen schon mehrere Jahre lebte, eine bestimmte Achtung zu erringen gewußt. Keiner von seinen Genossen wagte es, ihm nahe zu treten, aus Furcht, von seinen Muskeln erdrückt zu werden.

Mein neuer Bekannter nippte an seinem Schnaps und fuhr fort: „Sehen Sie, all' die jungen Leute hier betrachten ihn als ihren Matador. Die Blüte der Schmarotzerzunft findet sich allabendlich in seiner Nähe, nachdem man entweder geschlafen oder den Tag über herumgebummelt hat."
        
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