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Abend im Scheunenviertel

Full text: Dunkle Winkel in Berlin / Ostwald, Hans

Abend im Scheunenviertel.

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Hinein in die Wadzeckstraße. Acht Stufen in einen Keller hinab. Schwere, wollene Vorhänge dämpfen das Geräusch und lassen keinen Lichtstrahl durch nach außen.

Innen verlangt das Mädchen Plötzlich vier — sechs Mark.

„Nee — zwee —I"

Und der Angetrunkene bleibt halsstarrig, trotzdem das Mädchen zärtlich — zudringlich fordert — fast droht. Als ihr alles nichts nutzt, wird sie erbost, schreit:

„Na — denn rtich!"

Und aus dem Nebenzimmer kommen ein Paar Kerle

— und nach einem wüsten Tumult fliegt der Aus-gebeutelte und Zerschundene die Treppe hinauf — ernüchtert, beschämt. Still schleicht er davon, froh, mit einigen Beulen, Vergißmeinnicht (blauen Augen) und Schrammen davongekommen zu sein.

Hier ist auch das interessante Quartier, wo eine alte, ehemalige Straßendirne und Kuppelmutter ein hübsches, junges Mädchen unterhielt — das junge, brotlose Wanderarme an sich locken mußte. In dem molligen Nest wurden sie zu Dieben ausgebildet — und fanden für die reichliche Beute daheim Obdach, Essen und — Liebe. . .

Eine ganz neue Farbe hat das Viertel in den letzten Jahren erhalten: Ghetto töne. In allen Haustoren stehen jüdische Leute. Alte, schlampige Weiber. Männer mit hageren, bärtigen Gesichtern — oder dicke, rasierte Köpfe. Und vor einem Kellereingang vier — fünf junge Dinger in hellen Blusen. Kichern, Lachen, Locken. Hier und da auch der junge jüdische Mann in neuestem englischem Stoffanzug, greller Krawatte und steifem Hut.

Aber fast allen haftet so ein Hauch an aus Galizien

— Polen — Rußland. Und viele sind auch im Aeußern
        
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