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Abend im Scheunenviertel

Full text: Dunkle Winkel in Berlin / Ostwald, Hans

40 Großstadt-Dokumente Bd. 1. Dunkle Winkel in Berlin.

Und manch junges Mädchen eilt herbei, das in der Riesenstadt allein steht, fremd ist und das von der Not noch nicht auf die glatte, glänzende Bahn des Lasters geschoben worden ist.

Frauen, denen an der Wiege und auf dem Hochzeitsfest nur Lieder und Wünsche des Glücks gesungen wurden, kommen jetzt gebrochen, an den Hauswänden entlang schlürfend, mit scheuem Blick. Hastig ziehen sie an dem Eisengriff der Klingel, wie die Neulinge. An irgend einem zerrissenen, ehemals glänzenden Tuch oder andern winzigen Ueberresten besserer Tage ist ihre Vergangenheit zu erkennen.

Viele schlüpfen in das Haus.

Viele bleiben drin.

Aber manche kommen doch bald wieder niedergeschlagen heraus: Oefter als fünf Mal im Monat darf niemand kommen . . .

Verzweiflung und Erschrockenheit zerreißt die verhärmten Zuge.

Wohin nun? — Wohin---------------------

Diese alten Häuser! Einstöckig und zweistöckig. Mitten in Berlin. Niedrige Fenster. Verwitterte Fassaden. Einzelne getüncht, wie in der Kleinstadt, blau oder rötlich. Und Mansardenwohnungen. Und Treppen, die direkt auf die Straße münden, schmale, verkrüppelte Stiegen. Die Hausflure kaum so hoch wie ein Mensch und noch mit ausgetretenen Bohlen belegt und mit altmodischen Falltüren . . . Ganz geheimnisvoll. Die Gegend, wo die jungen Leute verschleppt werden:

„Kommste mit?"

„Wat willste denn?"

„Na — zwee Mark."

„Js jut! . . ."

Das Mädchen immer vier — fünf Schritt vorauf.
        
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