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Abend im Scheunenviertel

Full text: Dunkle Winkel in Berlin / Ostwald, Hans

Abend im Scheunenviertel.	39

Niemand beachtet sie; brummelnd zieht sie weiter.

An der Ecke der Füsilierstraße stehen zerlumpte alte Weiber mit gedunsenen Gesichtern. Sehnsüchtig, halb zornig blicken sie in die schmale Straße nach dem Asyl hinüber. Und eine trumpft auf:

„Ick komme ihr (der Verwalterin) zu ofte? Ick brauche se nich! Ick habe 'ne eigene Wohnung. Jawoll, ick bin jemeld't!"

Immer halb zur Nachbarin, halb nach dem Asyl hinüber:

„Aber — wozu soll ick denn den weiten Weg machen?"

Doch die andere glaubt ihr nicht, daß sie eine eigene Wohnung hat; sie sieht sie zweifelnd an — und beide blicken dann verlangend nach dem Hause mit den hellerleuchteten Schlafsälen . . .

Andere Obdachlose schleichen vorbei. Frauen in jedem Alter. Manche haben auch ihre Kinder bei sich. Fast ohne Ausnahme könnten sie das Modell zu einer Symbolisierung des Elends abgeben. Gebrochene, [born Leben mürbe geriebene Gestalten. Die Kleidung aus zusammengeflicktem Zeug. Fast stets ohne Kopfbedeckung, trotz des Regens. An dem ausgetretenen, schiefen, brüchigen Schuhwerk würden die Künste des tüchtigsten Schuhmachers scheitern. Ja, die ganze Kleidung sieht aus, als wäre sie in einem der Lumpen- und Produkten-Geschäfte der Gegend erstanden.

Da kommen jene mit dreistem Blick, die gänzlich resigniert sind, die nur einen Nnheort haben wollen, die nicht mehr kämpfen, um wieder hochzukommen aus dem Strudel, der sie mit festen Fäusten niederzieht- Heim-licher schleichen jene in das Asyl, die noch nicht sehen lassen wollen, daß sie an dem Hause klingeln, neben dessen Tür eine große viereckige Laterne: „Frauen-Asyl" leuchtet.
        
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