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Preface

Full text: Dunkle Winkel in Berlin / Ostwald, Hans

Da wurden in letzter Zeit so oft Prozesse aus dein Leben der 
Banken und aus dem Geldvertehr verhandelt. Ganz ungeheuerliche 
Dinge schienen dort vorgegangen zu sein. Aber — Vieles wurde von den 
Meisten garnicht verstanden. Wer ist denn heute über die vielen Arten 
von Banken informiert? Wer, außer den Börsenleuten, versteht etwas 
von den Vorgängen an der Börse? 
Und doch ist kaum ein Gebiet heute so wichtig und ausschlag¬ 
gebend im Erwerbsleben — und rückwirkend auch auf Sitte und An¬ 
schauung, wie der Geldverkehr. 
Man braucht nicht selbst Kapitalist zu fein, und möchte doch gern 
unterrichtet werden. 
Auch über homosexuelle Erscheinungen tauchten in den Gerichts¬ 
berichten der Zeitungen kurze Notizen auf. Notizen, die viele Menschen 
stutzig machen. Aber — eine Ausklärung über das Wesen der Sache 
erwarteten alle vergeblich von der Zeitung. 
Und das ebeu sollen diese Großstadtdokumente: Aufklärung über 
das Wesen der Sache geben — unterrichten. 
Unsere moderne Wissenschaft, unsere moderne Weltanschauung 
ist soweit gediehen, daß wir jetzt getrost vor manchen bisher verpönten. 
Sachen die Augen öffnen dürfen. Ja, die Bevölkerungsgruppen und 
Zustande bedeuten in unserer sozialen Struktur soviel, daß wir endlich 
die Augen offnen müssen. 
Aber nicht nur mit den Sitten und Unsitten der Großstadt, mit 
ihren dunklen Winkeln und dunklen Menschen soll sich diese Sammlung 
befassen. Nein, auch das Geistes- und Arbeitsleben soll hier seine 
Schilderung und Kritik finden. 
So wird sich einer der ersten Bände mit dem interessanten Leben 
der Boheme beschäftigen. Viele von unsern großen Künstlern, die wir 
jetzt alle in unser Herz geschlossen haben, werden dort in ihren wirren 
Werdejahren geschildert. 
Ein anderer Band wird über Gemeinschaften und Sektierer 
sprechen. In unserer Zeit der sonderbaren Sehnsüchte, der Gemein¬ 
schaften, der relegiösen oder spiritistischen oder theosophischen Zirkel wird 
dieser Band gewiß von Wert sein — um so mehr, da er von einem 
Berufenen kommt, von einem Sachkenner. 
Und so soll diese ganze Sammlung ein Wegweiser durch dies 
Labyrinth der Großstadt werden. Der Sachkenner soll den Wi߬ 
begierigen an die Hand nehmen und ihn hindurchfühlen durch diese zahl¬ 
losen Wirrnisse.  
Zuerst beschränkt sich die Sammlung auf Berlin — was nicht 
ausschließt, daß sie später auf andere Großstädte ausgedehnt wird . . . 
Dieser erste Band ist nichts weiter als eine Einleitung. Sie soll 
nur die Vielfältigkeit der Großstadt zeichnen — ohne etwa das Unternehmen 
auf das darin angedeutete Stoffgebiet festzunageln. Gibt doch schon 
die Liste der ersten Bände die Allseitigkeit der Großstadtdokumente zu 
erkennen — die übrigens schon darum Anspruch auf Wert erheben, 
weil sie durchaus dokumentarisch sein werden — und die auch des wissen¬ 
schaftlichen Wertes nicht entbehren werden — wenn sie sich auch nicht 
an verstaubte Papiere, sondern an das Leben halten. . . 
Han« Osswald. 
Großlichterfelde, im September 1904.
        
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