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Sedanfeier

Full text: Was ein Berliner Musikant erlebte / Noack, Victor

16 Großstadt-Dokumente Bd. 19. Was ein Berliner Musikant erlebte.

zu halte«, deren Herzen von angestammtem Patriotismus heute ganz besonders bewegt waren.

Wir marschierten nach dem Rathause, wo die Fahne abgeholt werden mußte.

Es liegt etwas Rührendes in dem wichtigen Gehabe und Getue der Menschen bei Handlungen, die jedem ernst Denkenden wie kindische Spielereien anmuten müssen. Auch mein Hintermann schien wenig Sinn für die Feierlichkeit der sich entwickelnden Vorgänge zu haben. An dem wirklich prächtig geputzten Schützenkönige, der auf den Granitstufen vor dem Rathause wie ein eitler Hahn seine schillernden Federn auf dem grünen Hute von dem Winde blähen ließ; sich hin und wieder vor seinen Schützen mit wahrhaft königlicher Grandezza verneigte, wobei ein feistes Lachen über seine vollen, gesnndheit-strotzenden Wangen glitt und seine blauen Augen ver-gnügt zwinkerten — an dieser Majestät gefiel meinem Zunftgenossen, diesem gewöhnlichen Proleten, nichts als die funkelnde, rote Nase.

Mein Auge hatte sich an den Glanz dort oben bereits gewöhnt; mein Interesse war mehr psychologischer Art und in Vermengnng mit dein beruflichen auf den Kapellmeister konzentriert, der aufgeregt vor uns hin nttd her lief, in Erwartung des Zeichens, worauf der Tusch geblasen werden sollte.

Er hatte seinen Zylinderhut in den Nacken geschoben und wischte sich mit einem — zur Feier des Tages weißen Tascheutuche den Schweiß von der Stirn.

Endlich —: „Die Fahne! Die Fahne!" schrie die gaffende Menge.

Der Kapellmeister fuchtelte mit den Armen in der Luft umher.

Ich schlug mit aller Kraft auf die Pauke und ließ die Becken gegeneinanderklirren.
        
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