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Die gesetzlichen Voraussetzungen und Frühsorgeerziehung

Full text: Gefährdete und verwahrloste Jugend / Lasson, Alfred

64 Grotzstadt-Dokumenle Bd. 49. Gefährdete und verwahrloste Jugend. 
Einwirkung, der Schulzucht, der Armenpflege, freiwilliger 
Liebestätigkeit oder vormundschaftlicher Anordnungen, für welche 
der § 1666 des BGB. den weitesten Spielraum gewährt, der 
Verwahrlosung vorgebeugt und ihr Fortgang ausgehalten wer¬ 
den kann. Hat die Verwahrlosung ihren Grund in wirtschaft¬ 
licher Not der Eltern oder Erzieher, oder in mangelhafter Für¬ 
sorge für ein verwaistes Kind, so sind die verpflichteten Armen¬ 
behörden von Aufsichts wegen anzuhalten, ihre Schuldigkeit 
zu tun." 
Nun hat sich das Kammergericht auf Grund dieser Be¬ 
stimmungen auf den Standpunkt gestellt, daß eine positive 
Störung der Erziehung, eine bereits eingetretene Verwahr¬ 
losung vorhanden sein mutz, wenn der Eintritt der Fürsorge¬ 
erziehung richterlich angeordnet werden kann. Dieser viel be¬ 
kämpfte Standpunkt, der auch keineswegs den vorbeugenden 
Absichten des Gesetzgebers entspricht, ist aber — leider — bei¬ 
nahe mit Freuden zu begrüßen, weil die Zustände in vielen 
der bestehenden Fürsorgeerziehungs-Anstalten solche sind, daß 
die Zöglinge besser vor dieser Art von „Rettungs"-Häusern 
bewahrt blieben. Deshalb konnte auch der um das Fürsorge¬ 
wesen hochverdiente Amtsgerichtsrat Koehne auf der Kon¬ 
ferenz der Zentralstelle für Jugendfürsorge am 15. Juni 1906 
in Berlin mit Recht sagen, daß die Ausführung der Fürsorge¬ 
erziehung im großen und ganzen in ihren Prinzipien noch so 
reformbedürftig sei, daß er die Wirkung des Kammergerichts- 
entscheidungen sogar als günstige bezeichnen müsse, da sie uns 
vorläufig davor bewahrt hätten, zuviel Kinder in Fürsorge¬ 
erziehung zu bekommen. ,,Es ist viel besser, es werden 100 Kin¬ 
der in vorzügliche Verhältnisse gebracht und ihre Besserung und 
Rettung gewährleistet, als daß 30 000 Kinder in Verhältnisse 
gebracht werden, wo eine solche Gewähr der Besserung nicht 
gegeben ist." Diese Kritik ist, wie man weiter sehen wird, ebenso 
scharf wie treffend. 
Daß die Zustände in der heutigen Fürsorgeerziehung 
nicht unbedenklich sein müssen, das beweist schon allein die hohe 
Zahl der Entweichungen von 2487 Zöglingen in einem einzigen
        
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