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Die verschiedenen Formen der groben Vernachlässigung

Full text: Gefährdete und verwahrloste Jugend / Lasson, Alfred

54 Großstadt-Dokumente Bd. 49. Gefährdete und verwahrloste Jugend. 
von 5 Jahren, ehe sie fortging, der alten, im Bette liegenden 
Frau an das Handgelenk gebunden, und den Kinderwagen mit 
dem jüngsten Kinde vor das Bett geschoben, damit die alte 
Frau auf diese Art und Weise die Kinder leichter beaufsichtigen 
konnte. Der Knabe hatte die alte Frau dabei einmal aus dem 
Bette gerissen und bis fast vor die Türe gezerrt. 
Sittlichkeitsverbrechen an Minderjährigen ergeben übrigens 
ebenfalls häufige Veranlassung zum Eingreifen. Die Zentrale 
stellte allein im Jahre 1907 fest, daß in acht Fällen der eigne 
Vater eine oder mehrere Töchter mißbrauchte (davon in sieben 
Fällen mit Einwilligung der Mutter!). In einem Falle, wo 
der dringendste Verdacht geschlechtlichen Mißbrauche durch den 
Stiefvater vorlag, stürzte sich das Kind vor dem es verfolgenden 
Vater aus dem Fenster. 
In mehreren Fällen bildete falsche Erziehung einen direkt 
gefährdenden Umstand; z. B. übertriebene Nachsicht und Affen¬ 
liebe gegenüber heranwachsenden Töchtern seitens der Mutter; 
einmal brachte ein krankhafter Wandertrieb und gesteigerte, 
unnatürliche Veränderungslust des Vaters die Kinder in Ge¬ 
fahr. Ein andermal erschien ein 10 jähriger Knabe dadurch 
gefährdet, daß der äußerst rohe und gewalttätige Vater seine 
Frau fortgesetzt so schlecht behandelte und mißhandelte, daß sie 
völlig apatisch und unzurechnungsfähig geworden war, so daß 
sie den Knaben nicht zu zügeln und zu erziehen vermochte. In 
einem andern Falle erschien ein heranwachsendes Mädchen ge¬ 
fährdet durch seine Mutter, welche ein zweifelhaftes Pensionat 
unterhielt. Lasterhaftigkeit der Eltern: Trunksucht, Arbeits¬ 
scheu und Unzucht bilden den Grund der Gefährdung und Ver¬ 
wahrlosung in nicht wenigen Fällen. 
Einige Beispiele mögen die Wirksamkeit dieser furchtbaren 
Laster zeigen: Eine Berliner Lehrerin findet spät abends 
in einer Straße am Rande des Tiergartens ein kleines 7 jäh¬ 
riges sehr krank aussehendes Mädchen, welches mit einer älteren 
Schwester zusammen Blumen verkauft. Befragt, sagt das Kind 
aus, es müßte mit verdienen, da der Vater alles vertrinke 
und die Mutter krank sei. Diese Angelegenheit wurde dem Ver-
        
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