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Sittliche und körperliche Gefährdung unehelicher Jugendlicher

Full text: Gefährdete und verwahrloste Jugend / Lasson, Alfred

Sittliche und körperliche Gefährdung unehelicher Jugendlicher. 49

ihm seine Enkeltochter begleitete. Sie unterstützte ihn besonders geschickt im Handel mit Fellen, bekam Trinkgelder, besaß dadurch immer Geld und hatte einen erschreckenden Grad frühreifer Roheit erreicht. Wenn die alte Großmutter, die zweite Frau des Viehhändlers, sie im Hause gebrauchen wollte, schimpfte sie oder schlug sie in das Gesicht. Die gleiche rohe Behandlung erfuhr die Frau allerdings nicht nur von ihrer Enkelin, sondern auch von ihrem Manne, welchen seine Kinder mit der liebevollen Bezeichnung „Totschläger" bezeichneten, da er ihre Mutter, als sie sich in anderen Umständen befand, mit der Mistgabel derart stieß, daß sie bald darauf verstarb. Das Mädchen benahm sich auch in der Schule äußerst roh, beschmierte die Kleidung des Lehrers und verrichtete andere Unarten, welche sie unmöglich machten. Der Alte brachte sie darauf in eine andere Schule weit über Land, trotzdem er dort zahlen mußte. Er war alles in allem die ungeeignetste Person als Erzieher. Unter anderem hielt er auch die Enkeltochter, wie seine eigenen Kinder früher, dazu an, unterwegs Korn und Futter für das Vieh zu stehlen. Nach Gliedern ist es weiter nicht verwunderlich, daß die ganze Familie im Dorfe sehr übel beleumdet ist. Im letzten Herbst erschien nun das Mädchen plötzlich in Berlin bei ihrer Mutter, welche sich inzwischen verheiratet hatte. In D. war ihr der Boden ZU heiß geworden, da sie in raffiniertester Art einen Diebstahl begangen hatte. Während nämlich ein Mann, namens A, bei ihrer Großmutter in Geschäften vorsprach, ging sie schnell in die Wohnung des A und stahl dort aus dem Kleiderschrank ein Portemonnaie mit 80 Mark. Ihre Mutter hatte keine Ahnung davon, bis sie eines Tages den nachfolgenden Brief auffing, welchen das Mädchen an die Großeitern nach D. richtete und in welchem sie darum bittet, daß der Großvater sie bei der Vernehmung herausreden möchte. Dieser überaus bezeichnende Brief des Mädchens mag hier eingeschaltet werden:

Liebe Mutter!

Da Du an Marie (ihre Mutter) geschrieben hast, daß Zahns Sophie gesagt hat von die Uhr, habe ich zu ihr gesagt, Vater hat sie mir getauft. Ich habe die 80 Mark
        
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