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Weitere Kindertragödien

Full text: Gefährdete und verwahrloste Jugend / Lasson, Alfred

Weitere Kindertragödien.	43

keine geringere Bewunderung und nicht weniger Mitleid erweckt hat, als die Geschichte seines großen Urbildes, des vielgewanderten Odysseus. Ein zehnjähriger Junge, erst seit einem halben Jahre in dieser gewaltigen fremden Stadt angesiedelt, keiner, den Schulfurcht oder Arbeitsscheu (er ist ein guter, fleißiger Schüler) oder ein krankhafter Wandertrieb wegjagte, sondern einer, den eine schlechte Mutter dadurch, daß sie ihm das Heim zu einer Hölle und Folterkammer machte, zum Weglaufen zwingt. Er beschließt, dies nicht länger zu ertragen und zu versuchen, ob ihm da draußen irgendwo nicht ein besseres Schicksal winkt. Und so macht er sich auf und wandert hinaus in die grenzenlose Fremde der unbekannten Riesenstadt. Er geht und geht stundenlang, in der Nähe einer Arbeitsgelegenheit macht er Halt, um etwas zu verdienen und sich damit vor dem Hunger zu schützen. Wenn er nichts verdient hat, so hungert er. In seinem nächtlichen Lager an der Chaussee unter dem kalten Himmel der ersten Maitage friert ihn mächtig. Aber weder Frost noch Kälte, noch Furcht vor der Einsamkeit oder der Fremde lassen ihn wanken; an jedem Morgen versucht er aufs neue, etwas zu verdienen, um sich durchzuschlagen. Und dabei lebt er fortwährend en vedette vor der Polizei, Ruhe und Gleichmut heuchelnd, im Gange und in der Kleidung sich unauffällig haltend. — Steckt in diesem Kinde nicht ein Stück von einem Helden? Des tiefsten Mitleids kann man sich nicht erwehren, wenn man bedenkt, was er an Hunger und Kälte und Müdigkeit gelitten, in welchen Gefahren er geschwebt hat; daß es nur ein Gelegenheitsdieb war, mit dem er in Lebensgemeinschaft trat, war ja noch ein Glück. Jedem, der ausgestoßen war wie er, jedem, der Grund hatte wie er, sich vor allem, was die öffentliche Ordnung vertritt, zu fürchten, hätte er sich ja in seiner, trotz aller Kraft vorhandenen inneren Hilfsbedürftigkeit angeschlossen."

Die körperlichen Mißhandlungen nehmen oft eine raffiniert grausame Form an. Es wurde schon erwähnt, daß eine Mutter ihrem Kinde mit einem Spatenstiel eine förmliche Höhlung in den Rücken schlug, oder jene das wehrlose Geschöpf mit dem nackten Gesäß auf eine glühende Ofenplatte setzte, weiter hören
        
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