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Full text: Gefährdete und verwahrloste Jugend / Lasson, Alfred

42 Großstadt-Dokumente 23b. 49. Gefährdete unb verwahrloste Jugend.

rausgekriegt. Eine hat er mir unter die Jacke gesteckt, die andere hat er unter dem Rock gehabt. Da haben wir ein junges Mädchen in einer Straße gefragt, ob sie Tauben kaufen wolle; da hat sie gesagt, wir müßten zu einem Tierarzt, der in der Straße wohnte, gehen, der kaufe immer welche. Da sind wir hingegangen, und die Frau hat uns für jede 40 Pfennig gegeben. Da sind wir in eine Badeanstalt gegangen und haben uns gebadet, das hat für jeden 20 Pfennig gekostet, und für die anderen 20 Pfennig haben wir uns Warschauer gekauft. Abends sind wir wieder in eine Laube gegangen. Den anderen Morgen haben wir uns wieder zwei Tauben geholt und haben versucht, ob wir sie nicht verkaufen könnten. Da fanden wir keinen und haben uns auf eine Bank am Rattöl gesetzt. Da hat uns eine alte Frau gesehen, die uns schon einen Tag vorher gesehen gehabt, da hat sie einem Polizeileutnant uns gezeigt. Der große Innge ist weggelaufen, aber mich hat er angerufen und mit anf die Wache genommen. Da haben sie mich verhört und gefragt, wer der große Zunge wäre. Seinen Namen wußte ich nicht. Aber ich wußte, daß seine Verwandten in der Lützowstraße wohnten und daß er öfters nach der Lützow> straße ging. Den anderen Morgen ist ein Kriminal mit mir in die Lützowstraße gegangen; da habe ich den Mann stehen sehen; da habe ich gesagt: „Da ist er!" und bin auf ihn zugegangen. Dann habe ich zu ihm gesagt: „Lauf weg, es ist ein Schutzmann hinter mir." Das hat er aber nicht getan, da hat uns der Schutzmann beide mitgenommen; aber an der Ecke von der Potsdamerstraße bin ich durchgebrannt. Den Tag habe ich nur eine Schrippe gegessen, die mir der Kriminal geschenkt hatte. Abends habe ich mich in den Eingang einer Molkerei geschlichen, und da geschlafen. Am anderen Morgen hat mich der Molkereibesitzer liegen sehen und gleich seinen Sohn nach der Polizei geschickt. Die hat mich denn geholt, und mittags bin ich dann hier herausgebracht worden." Soweit Kurt. —

Diese Erzählung hatte auf die Pflegerin einen tiefen Eindruck gemacht, den sie in folgenden Worten schildert: „Ich muß gestehen, daß ich diese einfache Geschichte aus dem Munde eines Kindes mit tiefer Ergriffenheit angehört habe und daß sie mir
        
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