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Weitere Kindertragödien

Full text: Gefährdete und verwahrloste Jugend / Lasson, Alfred

38 ^Großstadt-Dokumente Bd. 49. Gefährdete und verwahrloste Jugend. 
es, wörtlich und tätlich, malträtierte, über seine Krankheiten 
mit rohen Worten zur Tagesordnung überging. Unter solcher 
Behandlung wurde das Kirtd zu einem Jammerbild: ein er¬ 
loschenes Licht, ein seiner Flügel beraubtes Seelchen. Vom Vor¬ 
mundschaftsgericht zum Pfleger des Kindes im Verfahren gegen 
den Vater bestellt, brachte Fräulein Dr. Duensing, die Geschüfts- 
führerin bet Zentrale, das Kind schon wenige Tage nach ihrem 
ersten Besuche in dem Asyl des Vereins zum Schutze der Kinder 
vor Ausnutzung und Mißhandlung unter, wo es noch jetzt unter 
liebevoller Pflege sich befindet. Den schmerzlichen Ausdruck des 
Gesichts hat das blasse zarte Kind aber nicht verloren und wird 
ihn wohl stets behalten. 
* » 
♦ 
An einem frühen Morgen des Maimonats sieht eine alte 
Blumenverkäuferin an der Potsdamer Brücke einen etwa 20 jäh¬ 
rigen Burschen mit einem kleinen Jungen auf einer Rank am 
Kanal sitzen; kein Korb, kein Arbeitsgerät, kein Tornister weist 
auf eine Beschäftigung, einen Zweck ihres Draußenseins hin, 
die alte Frau hat die beiden schon am vorhergehenden Tage 
ebenso müßig und mit leeren Händen dasitzen sehen; sie schöpft 
Verdacht und macht einen Schutzmann auf sie aufmerksam. Bei 
einer Durchsuchung findet man, daß beide unter ihren Kleidern 
ein paar lebendige Tauben versteckt hallen. Schon einige Tage, 
bevor die Polizei ihn so aufgriff, suchte die Zentrale des 
Knaben habhaft zu werden, um den zum so und sovielten Male 
weggelaufenen Jungen sicher unterzubringen. Dieser 10 jährige 
K. Sch. ist eines jener bemitleidenswerten unehelichen Kinder, 
die früh von der Mutter getrennt, in langer Pflegezeit ihr völlig 
entfremdet, bei späterer Verheiratung der Mutter in ihren 
neuen Haushalt, und zwar aus Kostenersparnisrücksichten ge¬ 
nommen werden und nun ihr wie dem Stiefvater ein Stein des 
Anstoßes, eine Quelle von Zerwürfnissen, schließlich eine ver¬ 
haßte, unleidliche Bürde sind. Die Mutter wünscht nichts mehr, 
als den Knaben los zu werden, sie liegt der Polizei und dem 
Reltor in den Ohren mit langen Schilderungen seiner Laster, 
seiner Abgefeimtheit; seine Fluchtversuche weiß sie in einer
        
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