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II. Milieu und Erziehung. Die Gefährdung der Jugend durch die Wohnungsmisere

Full text: Gefährdete und verwahrloste Jugend / Lasson, Alfred

22 Grotzstadt-Dokumente Bd. 49. Gefährdete und verwahrloste Jugend.

wo der ehrwürdige Schmutz unserer Altvorderen noch pietätvoll bewahrt wird, könnte bald eine wahrhaft ergreifende Geschichte sich ständig häufender Krankheits- und Todesfälle zusammengestellt werden. Nachdrücklich schärft uns die moderne Hygiene ein, daß das Licht mit der besonderen Kraft begabt ist, Tuberkelbazillen zu töten. Stellt man sich nun vor, daß in unsern großen Städten ganze Häusergruppen, ja ganze Stadtviertel seit Jahrzehnten gewissermaßen in einer liefen Finsternis liegen, so kann man sich denken, wie viele Menschenblüten hier aus Mangel an Licht vorzeitig geknickt wurden. Ein Heer von Krankheitserregern, so zahlreich wie der Sand am Meere, lauert hier heimtückisch auf immer neue Opfer. Das große Massengrab, das von jenen Häusergruppen mit Leichen gespeist wird, es schließt sich ja erst dann, wenn diese Häuser einmal vorn Erdboden fortgefcgt sein werden. Die hier näher mitzuteilenden Fälle werden den Nachweis liefern, daß eine energisch durchzuführende amtliche Wohnungsinspektion ein erdrückendes Material beibringen würde für die Notwendigkeit der Sanierung ganzer Stadtviertel, wie wir eine solche ja gegenwärtig durch die Niederlegung des Scheunenviertels erleben.

Den Beweis für die eben aufgestellten Behauptungen ergeben einige Beispiele, die aus den Erhebungen der Ortskrankenkasse der Kaufleute frei herausgegriffen sein mögen. Einmal heißt es dort: „Fortgesetzt wird die Beobachtung gemacht, daß die Wohnungen in den älteren Stadtteilen häufig genug auch nicht den geringsten Anforderungen an Licht, Sauberkeit usw. entsprechen. Vielfach stießen die Kontrolleure auf sehr schmale und schlechte Aufgänge; besonders befinden sich dieselben in den alten Straßen, wie Stralauer-, Ale^andrinen-, Linien-, Neue Friedrichstraße, Großer Iüdenhof usw." In denselben Häusern finden sich dann auch meist schlechte und finstere Klosetts. In einem Falle waren in einem Block von vier Häusern mit etwa 650 Bewohnern ein Hofgebäude mit 20 Klosetts vorhanden, „der dort herrschende Geruch ist nicht zu schildern!" So wenig man geneigt sein dürfte, derartige
        
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