Path:
Wie sieht nun die Arbeit in vielen Erziehungsanstalten aus?

Full text: Gefährdete und verwahrloste Jugend / Lasson, Alfred

Wie sieht nun die Arbeit in vielen Erziehungsanstalten aus? 101 
dem Etat einer Magdalenenanstalt, in der Nähe derselben großen 
Stadt, 40 000 Mark der jährlichen Einnahmen durch Waschen 
und nur 5000 Mark durch andere Leistungen aufgeführt 
findet? Die hier öfter stattfindenden Auflehnungen sind ganz 
erklärlich. In dem Mädchenheim zu G. hat eine solche Er¬ 
ziehungsart, verbunden mit grausamer Behandlung erst kürz¬ 
lich wieder einmal zu einer Revolte geführt. Die Angelegenheit 
kam wie gewöhnlich vor die Gerichte. Schon das Urteil, das 
§ 122 (Zusammenrottung von Gefangenen) heranzieht und so¬ 
mit ein Mädchenheim als Gefängnis auffaßt, ist bemerkens¬ 
wert, scheint aber juristisch kaum haltbar. Der leitende Pastor 
wendete allerdings reichlich die Zwangs- und Zuchtmittel nicht 
nur des Gefängnisses, sondern des Zuchthauses an. Dieser 
Pädagoge spendete eigenhändig seinen Zöglingen reichliche Hiebe, 
sechs bis acht Ohrfeigen hintereinander, kräftige Stockprügel 
auf den entblößten Rücken, wochenlange Zellenhaft bei Wasser 
und Brot, wochenlange Entziehung des Waschwassers (Er¬ 
ziehung zur Sauberkeit und Hygiene?!), Abschneiden des Haares 
(Ohren und Nase werden den Zöglingen bis auf weiteres noch 
gelassen). Da müssen ja die jungen Weiber zu Hyänen werden! 
In dem Fehlen «großer pädagogischer Ge¬ 
sichtspunkte liegt das Hauptübel der Erzie¬ 
hungsanstalten. 
Wer leitet diese Institute, die unter den schwierigsten Ver¬ 
hältnissen die schwersten Erziehungsaufgaben lösen sollen, die 
überhaupt gestellt werden können oder gestellt werden müssen? 
Geistliche, Schwestern, Diatonissen, Hausväter, Hausmütter in 
Hunderten von Fällen; wirkliche Pädagogen bilden 
die Ausnahme. Alle Achtung vor dem guten Willen 
jener Herren und Damen, alle Achtung vor den relativ 
noch immerhin günstigen Resultaten; aber man ist doch in der 
Zeit einer fortschreitenden, modernen Pädagogik wohl zu der 
Frage berechtigt: Muß immer ein Geistlicher, also 
ein Nichtfachmann, a n der Spitze einer An st alt 
und zumeist doch nebenamtlich stehen? Genießen 
die Schwestern und Diakonissen jenen psychologischen Unterricht,
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.