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X. Berliner "Jüdische Theater"

Full text: Berliner Theater / Turszinsky, Walter

X. Berliner „Jüdische Theater".	97

rühmt. Sein Typ ist der reizbare, bewegliche Nerven-mensch (palästinensischen Stammes natürlich), der sein lieben von einer Fülle getreu nachmodellierter Wirklichkeitsnuancen fristet. Und so lispelt er gar lieblich jene fetten Gutturalen. Bei Aufwallungen zunächst ein paar Schritte hin und zurück, ein heftiges, grunzendes Lachen, ein Ruck an der Weste, ein Seitenblick unter gesenkten Lidern. Dann fliegt, zwischen nur halb geöffneten Lippen hervor, eines der beliebten epitheta ornantia aus dem galizischen Wörterbuch: „Sie Stück Malheur" oder „Stück Schlamassel" oder — rein deutsch — „Sie Stück Unglück" betn Gegner an den Schädel. Wenn ein Stückchen Speichel als Wurfgeschoß mitfliegt, muß sich der andere nicht wundern. Auch die wohlbekannte Eesprüchssitte, zwischen ausführliche, ernsthafte Redeergüsse ein Abschwenken zu irgendeinem andern, gleichgültigen Thema hin einzuschieben, — wer, der Davids Samen nahesteht, kennt diese Sitte nicht? — wird genau kopiert. In „Die Welt geht unter" bricht der greise Hausvater, den Donat spielt, unter der Furcht vor dem jüngsten Tage fast zusammen. Aber in allen Gewissensnöten vergißt er nicht, daß ihn sein Gigerl von Sohn durch die weißen Schutzgamaschen, die er über den Lackschuhen trügt, oft genug geärgert hat. Und die Phrase „Weiße Fetzen muß er tragen an die Füß" fügt sich immer wieder zwischen Zittern und Zagen, zwischen Jammer und Groll. Ebenso wie er, während Jsidor Blumentopfs Brautnachtpech („Endlich allein"), sich stets von neuem daran erinnern muß, daß einer feiner Störenfriede eine unpassende Kopfbedeckung trägt: „Spaaß, hat der Seege ä Zylinder auf. Der is Ihnen doch viel zu groß!" Noch einseitiger als der brüderliche Kamerad, der übrigens niemals zwerchfellerschütternder wirkt, als wenn er mit falschen Betonungen und vorn Tenor zum Baß und wieder zurückeilenden Skalen Tragik heucheln will, ist Anton Herrnfeld, der Böhmenspieler. Auch er liefert nur in der grotesken physiognomischen Aus-
        
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