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IX. Theaterschulen

Full text: Berliner Theater / Turszinsky, Walter

X. (kclmer „Jüdische Theater". 
Die Reichshauptstadt verfügte bis zum Frühjahr 
1606 über deren zwei. „Verfügt" ist freilich ein 
schlechter, kalter Ausdruck, der in diesem Fall die Be¬ 
ziehungen zwischen Kunstgattung und Publikum auch 
nicht annähernd charakterisiert. Denn diese sind die 
denkbar innigsten. Die Selfmademen des Theater¬ 
geschäfts brauchen im Durchschnitt sonst wirklich weit 
mehr Zeit, um zu einem Bankdepot von erheblicher 
Umfänglichkeit und zu zwei Rossen vor dem Wagen 
zu kommen, als die beiden Herrnfelds, welche Eali- 
ziens Heimatkunst zuerst in Berlin einbürgerten. Sie 
begannen in „Quargs Vaudeville - Theater", einem 
längst ausgemerzten, in den letzten Zeiten seines Be¬ 
stehens schwer erträglichen Variete letzten Ranges. 
Und sie siedeln noch im Laufe dieser Theatersaison 
aus den Katakomben des Alexanderplatzes, die ihre 
Blüte sahen, in ein eigenes, dem Zentrum Berlins 
noch näher gelegenes Haus über. Solch ein Prozeß 
rapidesten Wachstums bejaht die Bedürfnisfrage der 
Hauptstadt nach dieser Volksbühne noch zwingender 
als die Tatsache, daß — auf den Spuren der Herrn¬ 
felds — schon seit Beginn des vorigen Winters ein 
Konturrenzinstitut höchst munter die Flügel regt. 
Hoch im Norden, wo die unterste Brettlmuse auf 
schmutzigen Bühnen mehr zum Vier- als zum Kunst¬ 
genuß stacheln will, hat es sich etabliert. Unter 
dem Namen „Folies Caprice", der zu dem, was er 
einführt, paßt, wie der Igel zum Sofakissen. Für den 
Erfolg auch dieses neuen Unternehmens mag es aus¬ 
schlaggebend sein, daß ein guter Teil unserer Mit¬ 
bürger Manieren, sprachliche Gepflogenheiten, Gesten,
        
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