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IX. Theaterschulen

Full text: Berliner Theater / Turszinsky, Walter

IX. Theaterschulen.	80

gemurmelten Wutausbrüche des angehenden Kainz von Einengung der Individualität und Unterdrückung des Selbstbewußtseins verstummen: und im Duett betreten Vater und Sohn das Prüfungszimmer, wo der Direktor und sein Stab die Schafe der neuen Herde mustern. Der alte Cäsar würde hier ein Ruhegefühl gespürt haben; denn das Lehrerkollegium besteht aus wohlbeleibten Männern mit glatten Köpfen und ein paar gar stattlichen Damen in schwarzer Seide und mit echten Similibrillanten. Der Lenker der Dinge (wenn man's gut haben will, nennt man ihn „Herr Professor", zuerst verbittet er sich das, später nicht wieder) hat schon früher sehr aktiv den Bretterboden der Bühne unter seinen Füßen beben lassen. Als er noch keine so rote Nase und mehr Scheitel hatte. Unseren Fritz begrüßt er mit großer pompöser Geste — einer weit ausladenden Armbewegung — und den Donnerworten: „Nun, grüß Gott, junger Acher!", die der Jüngling nicht versteht, aber für eine Schmeichelei hält, so daß sich sein Antlitz mit Purpur färbt. Auch die Befürchtungen und Hoffnungen des Vaters werden von diesem freundlichen Manne beschwichtigt und genährt. „Man kann ja nicht immer gleich das Höchste erreichen, mein Verehrtest«," sagt er, und die Ns rollen mit Donner-gepolter eins ins andere, „sehen Sie, ich habe ja allerdings meine grandiosen Erfolge gehabt, ich kann's nicht leugnen. Aber wo Talent und ein Wille ist, ist schließlich immer ein Weg. Und Sie haben doch Talent, mein Freund, nicht wahr?" Fritz stottert ein beklommenes „Ja". Erfreulicherweise aber hat er alle seine Sprechorgane bald wieder freigebrüllt, als er dann offiziell loslegen darf. Und seine Melchthal-Steigerung: „Armer, blinder Vater: Du kannst den Tag der Freiheit nicht mehr seh'n . . . du sollst ihn hören!!!" kommt in einem Fortissimo heraus, daß Vater Müller entsetzt zusammenfährt und ein erschrecktes: „Na, nu mach's man hallweje" vor sich hinbrummelt. Aber er ist doch stolz darauf, daß
        
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