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IX. Theaterschulen

Full text: Berliner Theater / Turszinsky, Walter

IX. Theaterschulen.	87

ungeschminkt. Sie betreiben neben Schiller und Goethe auch Hofmannsthal und Vollmöller. Ihre Lehrerinnen verhüllen die Ohren unter den fest sich anschmiegenden Haarwellen des Cleofcheitels: und in weichen, losen Falten umhüllt das Reformkleid ihre Figur. Die Schülerinnen liefern natürlich in der Erscheinung treffende Kopien der Erzieherinnen, ihre männlichen Kollegen das entsprechende Gegenstück mit Sezessionshalsbinde und einer Löwenmähne, die glatt gestriegelt dem selten gewechselten Halskragen ent-gegenstrebt. Diese hypermodernen Theatereleven und -Elevinnen springen mit beiden Füßen in das Kunst-zigeunertum hinein, dessen Betätigung bei ihnen oft genug das Talent für immer ersetzen muß. Sie hausen im Cafehaus, und ihre Kritik reißt die Götzen

— das heißt die „Anerkannten" der deutschen Bühne

— von ihren Thronen. Sie finden sich schnell im freundschaftlichen „Du" zusammen und plaudern während der Schulpausen, zigarettenrauchend, über die bevorstehende Gründung ihrer zigeunerischen Ehen, in welche der Gatte als Vermögen eine Sammlung von Reclambändchen, die Gattin ein Bild von der Eysoldt als Morgengabe hineinbringt. In allem: diese Abart der modernen Schauspielschulen ist — trotz der leidlichen Tüchtigkeit ihrer Magister — nichts anderes geworden als eine Brutstätte für Bohemetypen, wie sie vormals das Ueberbrettl leben ließ. Ob auch aus ihnen Talente hervorwachsen? Es soll schon vorgekommen sein. Aber nicht oft.

Da ist der übliche normale Werdegang so einer Karriere doch der bessere. Umbreitet von einem Hauch, der Romantik, der Poesie und Komik zusammenmengt. Wochen, Monate lang hat Fritz, der Kunstbegeisterte, den „Carlos" zwischen Kladde und Hauptbuch eingeklemmt, mit heißem Bemühen studiert: und der Chef hat einmal ein ganz verwundertes Gesicht gemacht, als sein Buchhalter die Anfrage „Haben Sie schon die Monatsbilanz gemacht?" tief versonnen mit dem Zitat „Sire, schicken Sie mich nach Flandern" be-
        
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