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VIII. Von guten und schlechten Sagen

Full text: Berliner Theater / Turszinsky, Walter

viii. Von guten und schlechten Gagen. 81

gebene Sachlage einfach aus regulären Gründen nicht finden k ö n n e n. Auch hier sind die Männer bevorzugt, die sich nur an die Situation anderer Verufs-inhaber — bei denen 150 Mark Monats-Gehalt schon eine „Sache" ist — zu erinnern brauchen, nur an die Zukunft denken müssen, um den Mut zum schlechten und rechten Sichdurchkämpfen zu finden. Natürlich müssen sie sich von der allzu frühzeitigen Gründung einer Familie, die hier, wie in Proletarierkreisen, ein Bleigewicht an die Existenz hängt, fernhalten. Weit herber und düsterer aber sieht auch in diesem Falle das Los der Frau aus. Hier hat der Naturalismus, der durch seine bürgerlichen Dramenstoffe während einer langen Zeit der Kostümfrage ihre Schürfen nahm und zugleich die naturgemäß stark vorhandene Lebensgier der jungen Schauspielerin mehr auf geistige Interessengebiete ablenkte, recht segensreich gewirkt. Aber die üppige Neu-romantik hat die schlichte Alltagskunst abgelöst, und die alte Not ist wieder akut geworden. Ich brauche hier keine Ziffern zu nennen. Man wird jenes von mir am Beginn dieser Betrachtung hergegebene Zahlenbeispiel nur entsprechend rückwärts zu potenzieren haben, um sich die furchtbaren Fragen vorlegen zu müssen: „Wie hilft sich die privatim vermögenslose, kleine Schauspielerin mit dem Monatseinkommen von 250 Mark oder gar noch darunter ? Wie hilft sich das Chormädchen, das auch 100, auch 75 Mark Gage bezieht und in ihrem Wäscheinventar, Stiefelvorrat zum mindesten sauber auftreten muß?" Die Antwort auf diese Frage ist trübselig und bitter. Nicht umsonst wird die Schicht des „demi-theätrc", des Choristinnenproletariats hier immer breiter. Nicht umsonst zeigt im speziellen die weibliche Chorgarde-robe unserer eleganten Bühnen ein Material auf, dessen sittliche Artung schwer auf der dem Berufe entgegengebrachten Hochschätzung lastet. Es muß offen ausgesprochen werden, daß hier die Berliner Possenbühnen voranmarfchieren. Sie wählen ihre
        
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