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VIII. Von guten und schlechten Sagen

Full text: Berliner Theater / Turszinsky, Walter

80 Großstadt-Dokumente Bd. 29. Berliner Theater. 
Theaterfräuleins, die der Bühnenfachausdruck als 
„Luxusdamen" normiert. Sie freilich können sich 
alles leisten, was der Direktor zur Zierde seines Hau¬ 
ses von ihnen fordert. Eine schöne Erscheinung: denn 
sie ist der Grundstein zu ihrer Karriere gewesen. 
Prachtvolle kostümliche Folien zu dem herrlichen 
Antlitz und der stattlichen Figur, die beide mit Eifer 
gepflegt werden: denn „Er" — der Eine oder der 
Andere — honoriert jede Rechnung. Sie sind sogar 
so gestellt, daß sie auf die erhebliche Gage, von der die 
ehrliche Arbeiterin ihr Dasein bestreiten muß. ver¬ 
zichten können. Ihre Bel-Etage setzt den Direktor 
in Staunen, wenn er sich einmal — was auch schon 
vorgekommen sein soll — zum verschwiegenen Tee¬ 
stündchen bei ihr einfindet. Eine Equipage, bereit 
Schick die Logenbesucher neidisch macht, darf nicht feh¬ 
len. Mit den Gentlemen ihrer Bekanntschaft füllt sie 
an manchem Abend die Vorderplntze der Profzenien. 
Und für alle diese Dienstfertigkeiten, die ihr gewöhn¬ 
lich mit 200 Mark Monatsgage quittiert werden, hat 
sie nur einen Ehrgeiz: sie will s p i e l e n! Da diese 
altruistischen Geschöpfchen, die für wenig Geld man¬ 
ches leisten, meistens schon im Leben zu koketten Re- 
präsentationSsähigkeiten und pikantem Soubretten- 
benehmen gezwungen sind, so läßt sie denn auch man¬ 
cher Berliner Theaterdirektor ihre fesche Eigenart 
gern auf der Bühne zeigen. Ihre sorglose Munterkeit 
ist ihm dienlicher und sympathischer als das ständige 
Zuohrenliegen der „ernsthaften" Querulantinnen, die 
von jenen an manchem lustigen Theater ohne wei¬ 
teres aus dem Sattel gehoben werden. Zumal, wenn 
— was auch schon passiert sein soll — die Luxusdame 
ihren Freund einen notleidenden Theaterfonds mit 
einem größeren Bareinschuß stützen läßt . . . 
Ich sprach bisher nur von jenen Schauspielerinnen, 
denen Leichtsinn, Lebenslust oder eben die positive 
Leistung ein flottes oder ein bescheiden - auskömm¬ 
liches Leben ermöglicht. Schlimmer steht's um die 
kleineren Götter und Göttinnen, die sich in die ge-
        
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