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VII. Theateragenten

Full text: Berliner Theater / Turszinsky, Walter

74 Großstadt-Dokumente Bd. 29. Berliner Theater.

am Scheidewege stehen. Denn wenn früher das „West-minfter" als glänzendes Talmilabyrinth die ganze Clique, den ganzen Strom an sich riß, so lockt Heuer dicht daneben das „Cafe Opera". Geleitet von dem vormaligen Geschäftsführer des Konkurrenzinstituts, dessen Name in der Geschichte der modernen französischen Politik ein finsteres Kapitel überschreibt, und dessen geschniegelte Kleidung zu den groben Umrissen des brutalen Kopfes in diametralem Gegensatz steht. Ich glaube, daß die Mimen sich diesem Zwiespalt der Natur dadurch entziehen werden, daß sie beide Cafes hintereinander besuchen. Man wühlt dazu natürlich die Kleidung, die sonst nur im französischen Salonstück mitwirken durfte. Dann bummelt man langsam durch den schmalen Gang zwischen den Tischreihen und versucht hinter der schwimmenden Nebelwand des Tabaksdunstes bekannte Köpfe zu finden. Das dauert nicht lange. Denn ebenso, wie sich hier der Schwärm von Zureisenden auf einen Fleck zusammendrängt, flattert demselben Punkt auch die Reihe der jüngeren Berliner Schauspieler zu, die sich erst kurze Zeit in den Tumult unseres Theaterlebens eingemengt haben. Die nun, wenn sie Glück hatten, imponieren wollen, oder aber, wenn sie auf der Strecke blieben, gern in die Reminiszenzen des alten vergnügten Boheme-tums untertauchen, wo man noch angesichts eines kleinen, leicht begeisterten Hörerkreises etwas vorstellte und nicht hinter den breiten Rücken der Berliner Schauspieleraristokraten spurlos verschwand. Der Palmarumbruder betrachtet das Selbstbewußtsein seiner hiesigen Fachgenossen mit unverhohlenem Spott, die Feindschaft gegen Berlin mit offener Zustimmung. Er hat da — gleich in den ersten Tagen seines Aufenthaltes — ein paar Vorstellungen bei Reinhardt und bei Brahm gesehen. „Ja, du lieber Gott. Ich bin wahrhaftig nicht arrogant. Aber den Bassanio . . . Na, ich werde Euch mal so'n paar Kritiken mitbringen. Dem Manne fehlen ja ganz die hohen Organtöne. Wenn ich da so hinauspfiff . . .
        
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