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VI. Die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger

Full text: Berliner Theater / Turszinsky, Walter

VI. Die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger. 61 
passive Wahlrecht gegeben, und nachdem die nächst¬ 
jährige Sitzung diese Entscheidung statutarisch ge¬ 
macht haben wird, werden im Reichstag der 
Schauspieler die Frauen Sitz und Stimme haben. 
So ist man dem staatlichen Parlamentarismus 
um einige Spannen vorausgeraten. Denn, daß 
es eine schwere Sünde und bittere Verkleinerung ist, 
im Gegensatz zu den talentlosen Männerpagoden der 
Reichstagssitzungen würdigen, starkgeiftigen Frauen 
die öffentliche politische Schaffensmöglichkeit zu unter¬ 
binden, ist eine Binsenweisheit. So günstig liegt die 
Sache beim Theater nicht. Selbst Pategg, der Mann, 
der das Wunder fertig bringt, Rheinbaben und Vebel 
dieser Sessionen zugleich zu sein, hat mit offenem 
Freimut zugegeben, daß die Schauspielerin die mora¬ 
lische Reife für ihre neue Würde kaum besitzt. Aber 
er will für die Beurteilung dieser Moral neue, außer¬ 
halb der Linie des bürgerlichen Sittenkodex stehende 
Normen herstellen, welche die geschlechtliche Freilebig- 
keit nur als leidenschaftlich gesuchten Glücksersatz für 
harte berufliche Mühen, für den schweren Kampf 
ums Dasein stipulieren! Die Künstlerin darf nur 
nach ihrer fachlichen Leistung beurteilt werden. Schon 
ihr gesteigertes Sinnenleben stellt sie jenseits der üb¬ 
lichen moralischen Schranke. Also ist sie immer 
„würdig". 
Ich bin nicht Philister genug, die tiefe Wahr¬ 
heit, die in diesem inhaltlich nicht ganz neuen Kate¬ 
chismusblatte steckt, zu verkennen. Aber die wesent¬ 
lichste Substanz der Neuerung hat Max Pategg den¬ 
noch vergessen. Schon seine moralische Charakteristik 
der „genialen", also polysexuellen Künstlerin hat eine 
breite Lücke. Denn er scheidet nicht zwischen Leiden¬ 
schaft und Berechnung. Er sagt nicht, daß nur ein Spie¬ 
ßer über das starke Temperament die Achseln zucken 
wird, welches — der Wärme seines Bluts und dem 
Prestoschlag seiner Pulse nachgebend — tut, was seines 
Geschlechtes ist. Er verschweigt aber auch, daß die 
Damen, die ihre Kunst nur als Nebenberuf betreiben,
        
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