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V. Die Berliner Theaterkritik

Full text: Berliner Theater / Turszinsky, Walter

52 Großstadt-Dokumente Bd. 29. Berliner Theater.

zustellenden, notwendigen Erundzüge des kritischen Richters. Maximilian Harden, der Herausgeber der „Zukunft", stellt sich gern so, als sei jene Liebe längst hinter den großen Erkenntnissen seines Lebens untergetaucht. Aber ob er sich dem Theater auch selten genug zuwendet: ob er sich mit seinen Mitteilungen über die Leistungen der hauptstädtischen Schaubühne zu viel Zeit läßt, wo die andern sich überhasten: sein Interesse zur Sache schlägt doch immer wieder mit brennender Flamme durch die harte Mauer seines edlen, zu glänzender künstlerischer Form geschlossenen Stils, sobald er sich über die Berliner Bühne äußert. Blasierte Spöttelei, temperamentvolles Vomlederziehen sind leicht zu unterscheiden. Und der saloppe, „auf Eis gelegte" Ton des Zynikers, der von einer breiten seelischen Distanz zur Materie Zeugnis ablegt, ist bei Karden nie zu finden. Er kann noch niederschmettern: er kann jauchzen. Und er legt seine Beichten in einer Diktion * ab, die von umfassender Eigenerfahrung und mühevoller Erkundung ausgeht, die sichtlich auch im Ausdruck meilenweit über das abgerissene Gemeingut des Alltagsdeutsch hinausstrebt (und hinauskommt) und dem subjektiven Augenblickseindruck — dem wesentlichsten Grundstein aller Kritik — weit mehr dient, als den langweiligen „Standpunkten" phili-strös-traditioneller Entwickelungsgänge . . . Durchaus Impressionist ist Dr. Alfred Kerr, weitaus der wertvollste unter den Theaterkritikern des „Tag" und, zumal diese Tätigkeit ihn beruflich fast ausfüllt, die ernsthafteste Erscheinung unter der gegenwärtigen Berliner Theaterkritik überhaupt. Es gibt noch immer Banausen, die über den in glänzende Aphorismen teilbaren, temperamentvoll-sprunghaf-ten, in Haß und Liebe scharf aggressiven Stil dieses Schriftstellers ihre törichten Witze machen. Sie würden bei kurzer Forschung entdecken, mit wie bohrender Intensität hier hinab zum Grunde der Dinge gestrebt wird. Wie hier der Ausdruck, in zahllosen Wand-
        
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