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II. Die Berliner Theater und die Kunst

Full text: Berliner Theater / Turszinsky, Walter

26 Großstadt-Dokumente Bd. 29. Berliner Theater.

Uebersetzer Tolstois wohlbekannte Direktor Dr. Rafael Löwenfeld beim -Erwerb von kostspieligen Novitäten sehr zurückhalten, weil er die Besucher seiner Bühnen daran gewöhnt hat, bei kleinem Entree stets gut dargestellte und reich eingekleidete Vorstellungen zu erleben, und so genug Kosten hat. Zudem verbietet hier der ständig wiederkehrende Abonnementsturnus, der nur eine ganz beschränkte Anzahl von Aufführungen desselben Stückes zuläßt, die Einkehr jener Dichter, die an einer anderen Bühne höhere Tantiemen zum mindesten zu erwarten haben. Zugleich aber kommt bei den Schillertheatern die durchaus wichtige Tendenz einer Abkehr von der Engherzigkeit der „Richtung", eines sich Be-freundens mit jedem Abschnitt alter und neuer Dramenproduktion in einem Repertoire zum Ausdruck, das in allen Speichern Gutes und Gefälliges geschickt zu finden weiß. Hier gibt es keine Genies, aber auch wenig Stümper. Hier gibt es keine „Events", aber stets saubere, abgerundete, freundliche Eindrücke. Das Berliner Kleinbürgertum, dem durch Riesenpreise der Eintritt in die Theater für verfeinerte Genußnerven so sehr erschwert wird, ist also durchaus im Rechte, wenn es auf diese echten Volksbühnen, und zumal auf ihr Stammhaus, das im alten „W a l l n e r t h e a t e r" hausende „Schiller-theaterdesOsten s" schwört und ihm reichliche Einnahmen zuträgt . . . Zum Schlüsse noch die Theater, die sich die im Grunde sehr lobenswerte Aufgabe gestellt haben, der Lachlust zu dienen, welche nach den Stilen des eben überwundenen Naturalismus und der funkelnagelneuen Neuromantik schwer befriedigt werden kann. So wäre diese Absonderung einiger spezifisch „heiterer Theater" die Befriedigung einer leidenschaftlich gehegten Sehnsucht gewesen, wenn ihre Lenker es nur verstanden hätten, das Bedürfnis nach gefüllter Kasse mit dem Bedürfnis nach einigermaßen ästhetischen Ambitionen, die die Heiterkeit durchaus nicht ausschließen, zu verknüpfen.
        
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