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II. Die Berliner Theater und die Kunst

Full text: Berliner Theater / Turszinsky, Walter

 Die Berliner Theater und die Kunst. 15 
zum Beginn des Theaterwinters 1906, wo ein paar 
Bühnen sie freiwillig aufzunehmen scheinen — stets 
nur gepflegt worden, wenn eine Serie der Mißerfolge 
dazu nötigte. Sonst hat man sie immer mit dem ge¬ 
wichtigen Wort „Zersplitterung" in die Ecke gedrückt. 
Dieses scheinbare Schreckwort aber ist in Wahrheit in 
Theaterdingen gar kein solches, sondern steht in festem 
Zusammenhange mit den intimsten Grundbegriffen 
jeglichen Theaterwesens. So luftreinigend und auf¬ 
frischend der Realismus in die Sphäre des Dramas 
und der dramatischen Künstler hineinfuhr: gerade 
bei diesem Punkte ist er mißverstanden worden und 
hat die Begriffe verengt, nicht erweitert. Man hat 
es für das A und O gehalten, oder dafür zu halten 
gelernt, daß der Schauspieler sein eigenes Ich über 
die Rolle stellt, als deren Repräsentant er nur dann 
auftritt, wenn er in ihrem Körper den eigenen ver¬ 
wandte Wesenszüge vorfindet. Man hat es vergessen, 
daß die schon durch den Namen bedingte Eigenart des 
Schauspielers eben gerade daran hängt, daß 
dieser seine Persönlichkeit vor dem fremden Wesen, 
oas ihn verlangt, völlig zurückweichen läßt. Daß er 
sich mit Gewalt zum „Untertauchen" zwingt und 
einem Fremdling für ein paar Stunden Platz macht. 
Solch eine Ableugnung des Selbst — Hermann Bahr. 
der feine Kenner des Theaterlebens, hat sie seit je 
gelehrt, Mitterwurzer, Hermann Müller, der früh 
Verstorbene, haben ihre Ausbreitungsmöglichkeiten 
an der deutschen Bühne praktisch am herrlichsten ge¬ 
zeigt muß sich ebenso über eine breite Zahl von 
Persönlichkeiten, wie über einen beträchtlichen Um¬ 
fang verschiedener Zeiten, Ausdrucksnormen und 
sozialer Umkreise ausdehnen lassen. Vorbild: die 
Russen des Moskauer künstlerischen Theaters! Wie 
ärmlich ist eine Darstellungsform, die von Dem 
lebt, was Zufall, erbliche Veranlagung, äußere 
Artung dem Schauspieler mit auf den Weg geben, 
ohne daß seine Intensität das Vorhandene über 
seine Grenzen hinaus zu entwickeln vermag. Und
        
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